„Das braucht man nicht, wenn man gesund und frisch ist und etwas kann.“

„Nun zum Beispiel ich. Ich habe immer geglaubt, ich hätte die Fähigkeiten zu wissenschaftlicher Arbeit. Das ist das einzige Ziel, das ich mir gesetzt. Ich habe einige kleine Bücher geschrieben — etwas ganz Populäres natürlich; jetzt arbeite ich jedoch an einer Abhandlung: das Bronzezeitalter in Südeuropa. Ich bin aber Lehrer und habe eine sehr gute Stellung. Bin Leiter einer Privatschule.“

„Jetzt sind Sie aber doch hierher gekommen, um zu arbeiten, wenn ich Sie heute Morgen recht verstand,“ sagte sie lächelnd.

Helge antwortete nicht darauf:

„So erging es meinem Vater auch. Er wollte Maler werden — das Einzige, wozu er Lust hatte. Er hielt sich auch ein Jahr lang hier auf. Dann verheiratete er sich. Jetzt hat er nun eine lithographische Werkstätte — hat sie sechsundzwanzig Jahre hindurch in Gang gehalten, zum Teil unter großen Schwierigkeiten — Ich glaube nicht, daß er der Meinung ist, er habe viel vom Leben gehabt.“

Jenny sah gedankenvoll in den Sonnenschein hinaus. In der Senkung ihnen zu Füßen wuchsen Küchengemüse in Reihen mit kleinen bescheidenen Blätterbüscheln über der grauen Erde. Draußen über den grünen Wiesen leuchteten die Ruinen auf dem Palatin, gelbschimmernd in dem dunklen Laub. Der Tag versprach warm zu werden. Die Albanerberge drüben hinter den Pinien der fernen Villengärten lagen in dämmrigem Dunst unter dem tauigen Blau des Himmels.

„Aber — Kandidat Gram.“ Sie nippte an ihrem Glase, den Blick noch immer in die Ferne gerichtet. Helge folgte mit den Augen dem lichtblauen Rauch ihrer Zigarette — ein kleiner Lufthauch erfaßte diesen und wirbelte ihn hinaus in die Sonne. Jenny hatte das eine Bein über das andere geschlagen — über den ausgeschnittenen perlenbestickten Schuhen erschienen die schmalen Knöchel in dünnen violetten Strümpfen. Die Wetterjacke stand offen über dem faltigen, silbergrauen Kleide mit dem weißen Kragen und über dem Perlenband, welches rosenrote Lichtflecken auf ihren milchweißen Hals warf. Die Pelzmütze auf dem blonden, welligen Haar war weit zurückgeglitten.

„So haben Sie jedenfalls eine Stütze an Ihrem Vater — er versteht Sie und weiß, daß Sie nicht an die Schule gefesselt sein dürfen, da Ihnen eine andere Arbeit am Herzen liegt?“

„Das weiß ich nicht. Er freute sich zwar sehr, daß ich Gelegenheit hatte, ins Ausland zu kommen. Aber —“ Helge zögerte, „sehr vertraut miteinander sind mein Vater und ich nie gewesen. Meine Mutter dagegen quälte mich mit ihrer ständigen Sorge, daß ich mich überanstrengen könnte, daß meine Zukunft nicht genügend gesichert sei. Und meiner Mutter widerspricht mein Vater nicht. Sie sind grundverschieden, Vater und Mutter. Sie hat ihn wohl nie verstanden. So überschüttete sie dann uns Kinder mit ihrer heißen Liebe — in meiner Kindheit war sie mir unendlich viel — doch diese Liebe begleitete eine blinde Eifersucht. Mutter fürchtete sogar, daß Vater mehr Einfluß auf mich gewinnen könne als sie. Auch auf meine Arbeit war sie eifersüchtig, weil ich mich abends einschloß, um zu studieren und zu schreiben, wissen Sie. Sie sorgte sich, wie gesagt, um meine Gesundheit und fürchtete, daß ich den Einfall bekommen könne, meinen Posten aufzugeben —.“

Jenny nickte einige Male gedankenvoll.