„Der Brief, den ich eben holte, war von ihnen.“ Helge zog ihn hervor und betrachtete ihn, öffnete ihn jedoch nicht. — „Heut ist nämlich mein Geburtstag,“ sagte er und versuchte ein Lächeln. „Ich werde heute sechsundzwanzig.“

„Ich gratuliere.“ Jenny reichte ihm die Hand.

Der Blick, den sie auf ihn richtete, war so, wie wenn sie Franziska zu betrachten pflegte, wenn diese sich an sie schmiegte.

Sie hatte bisher noch nicht auf Grams Aussehen geachtet, hatte nur den Eindruck, daß er groß und fein gebaut und dunkel war, und daß er einen kleinen Spitzbart trug. Eigentlich hatte er hübsche regelmäßige Züge und eine hohe, etwas schmale Stirn. Seine Augen waren hellbraun, mit einem eigenen durchsichtigen Bernsteinglanz, der kleine Mund unter dem Schnurrbart war weich und fein, er zeigte eine leise Wehmut.

„Ich verstehe Sie so gut,“ sagte sie plötzlich „Ich kenne das. Ich war selbst Lehrerin bis Weihnachten vorigen Jahres. Ich kam fort als Erzieherin und blieb dabei, bis ich alt genug war, um im Seminar anzufangen.“ Sie lachte etwas verlegen. „Ich reiste fort — gab meine Stellung an der Volksschule auf — da ich eine Kleinigkeit von einer Tante meines Vaters erbte. Ich habe ausgerechnet, es kann etwa drei Jahre reichen — vielleicht auch länger — und wenn ich etwas verkaufen kann —. Aber meine Mutter war natürlich nicht damit einverstanden, daß ich die ganze Summe aufbrauchen wollte. Und daß ich kündigte, nachdem ich endlich nach all den Jahren, in denen ich mich mit Vertretungen und Privatschülern abgeplagt hatte, fest angestellt worden war. Ein festes Einkommen, — das halten die Mütter ja immer für das Wichtigste —.“

„Ich glaube fast, daß ich es in Ihrer Stelle nicht gewagt hätte, so alle Brücken hinter mir abzubrechen —. Ich weiß sehr wohl, es ist der Einfluß meines Vaterhauses. Ich wäre die Angst nicht losgeworden, wovon ich leben sollte, wenn das Geld verbraucht sein würde.“

„Kleinigkeit,“ sagte Jenny. „Ich bin ja frisch und stark und kann sehr viel. Nähen, kochen und plätten und waschen. Auch Sprachen. In Amerika oder England kann ich immer Arbeit bekommen. Als Malerin, glaube ich, wird man dort viel zu tun finden. Franziska“ — sie lachte in die Sonne hinaus — „sie meint, wir sollten nach Südafrika reisen und Milchmädchen werden. Und dann wollen wir Akte bei den Zulukaffern zeichnen — es sollen ganz prachtvolle Modelle sein.“

„Der Gedanke ist durchaus nicht übel. Entfernungen rechnen Sie also nicht als wesentliches Hindernis —.“

„Nein, ganz und gar nicht —. Ach ja, ich rede. Natürlich, in all den Jahren daheim meinte ich, daß es ganz unmöglich sei, hinauszukommen — allein nach Kopenhagen, dort sich eine kurze Zeit aufzuhalten und nichts anderes zu tun als zu lernen und zu malen. Ich hatte natürlich starkes Herzklopfen, als ich mich entschloß, alles aufzugeben und zu reisen. Alle meine Angehörigen fanden es wahnsinnig. Und das wirkte wohl auf mich. — Aber dann wollte ich erst recht. Malen ist ja das Einzige, wozu ich immer Lust hatte, und ich begriff, daß ich zu Haus niemals so intensiv würde arbeiten können, wie es nötig wäre — da lenkte mich so vieles ab. Aber Mama konnte es einfach nicht begreifen, daß ich sofort mit dem Studium beginnen müsse, wollte ich noch etwas lernen, da ich nicht mehr die Jüngste war. Meine Mutter ist nämlich nur neunzehn Jahre älter als ich. Als ich elf Jahre alt war, heiratete sie zum zweiten Male, und das brachte ihre Jugend zurück —.

Das ist ja eben das Wunderbare, wenn man in die Welt geht — jede Beeinflussung durch Menschen, mit denen man zufällig daheim zusammenlebt, hört auf. Man muß mit seinen eigenen Augen sehen und selbständig denken. Wir lernen begreifen, daß es ganz von uns selbst abhängt, was diese Reise uns gibt — was wir zu sehen und zu erfassen vermögen, in welche Lage wir uns bringen und unter wessen Einfluß wir uns freiwillig begeben. Man lernt verstehen, daß es von einem selbst abhängt, wieviel das Leben uns entgegenbringt. Ja, gewiß, ein wenig auch von den Umständen, wie Sie vorher einmal sagten. Aber man entdeckt bald, wie man die Hindernisse nach seiner Veranlagung am leichtesten überwindet oder sie umgeht — sowohl auf Reisen wie auch im allgemeinen. Man sieht ja, daß man sich all das Schwere, das einem begegnet, immer selbst eingebrockt hat.