„Nein, ich besitze scheinbar keinen Instinkt, wie du sagtest. Vielleicht habe ich ihn nicht einmal wirklich geliebt. Und doch hätte ich so gern ein Kind von ihm gehabt. Doch dann vermochte ich nicht, mich dazu zu entschließen. — Mitunter wollte er, daß wir heiraten sollten — ohne weiteres zum Standesamt gehen. Nein, ich wollte nicht. Zu Hause wären sie böse geworden. Die Leute hätten sicher gedacht, daß wir uns heiraten müßten! Und das wollte ich auch nicht. Sie glaubten ja trotzdem schon das Schlimmste. Aber das war mir gleichgültig. Ich wußte sehr wohl, ich machte meinen Ruf zuschanden um seinetwillen. Doch daraus machte ich mir nichts. Begreifst du das — ich war gleichgültig. Aber Hans dachte, ich weigerte mich aus Angst, er würde mich hinterher nicht heiraten. Dann laß uns erst zum Standesamt gehen, verdammtes Mädel, sagte er. Aber ich wollte nicht. Er glaubte, das Ganze sei nur Berechnung gewesen. Du Eiszapfen, sagte er. Aber, bei Gott, du verstellst dich nur. Mitunter glaubte ich auch, daß ich keiner sei. Vielleicht war ich nur deshalb so ängstlich, weil er so brutal war. Er schlug mich oft — riß mir beinahe die Kleider vom Körper; ich mußte kratzen und beißen, um loszukommen — heulen und weinen.“

„Und doch gingst du immer wieder zu ihm?“ fragte Jenny leise.

„Ja. Die Portierfrau wollte nicht mehr bei ihm aufräumen. So ging ich hinauf und tat es. Ich hatte die Schlüssel zu seinen Zimmern. Ich wischte auf und machte das Bett — Gott weiß, wer dort mit ihm gelegen hatte.“

Jenny schüttelte den Kopf.

„Borghild war rasend darüber. Sie war es, die mir bewies, daß er eine Geliebte hatte. Ich wußte wohl etwas — aber ich wollte gar keine Gewißheit haben! Borghild behauptete, er hätte mir nur die Schlüssel gegeben, damit ich kommen und sie überraschen sollte. Aus Eifersucht sollte ich mich ihm geben, da ich ja doch schon kompromittiert sei. Aber darin irrte sie. Mich liebte er — auf seine Weise. Er hatte mich lieb, Jenny, so wie er es vermochte. Aber Borghild war so erzürnt, weil ich den Diamantring von der Urgroßmutter Rustung versetzte. Ach, das habe ich dir niemals erzählt.“

Sie richtete sich auf und lachte leise.

„Ja, siehst du, er brauchte Geld. Hundert Kronen. Ich versprach ihm, er sollte sie von mir erhalten. Ich ahnte nicht, woher sie nehmen. Papa wagte ich nicht um einen Oere zu bitten — ich hatte schon allzuviel verbraucht. So ging ich denn hin und versetzte — meine Uhr und ein goldenes Kettenarmband und dann den Diamantring; einen ganz alten, du weißt, mit vielen kleinen Diamanten auf einer größeren Platte. Borghild war rasend, weil sie ihn nicht bekommen hatte, denn sie war doch die älteste, aber Großmutter hatte ausdrücklich gesagt, ich sollte ihn haben, weil ich nach ihr genannt war. Ich ging also eines Morgens hin, gleich nachdem geöffnet worden war. Es war ein peinlicher Augenblick. Aber ich bekam doch das Geld und ging hinauf zu Hans. Er fragte, auf welche Weise ich es beschafft hätte, und ich sagte es ihm. Dafür küßte er mich. ‚Dann‘, sagte er, ‚gib mir den Leihschein und das Geld, Pussel‘ — so nannte er mich immer. Ich gab ihm beides — ich glaubte ja, er wolle die Sachen wieder einlösen, und ich sagte, das dürfe er nicht; ich war sehr gerührt, siehst du. Ich kann es auf andere Weise in Ordnung bringen, sagte Hans, und dann nahm er es und ging. Ich saß bei ihm oben und wartete — oh, ich war so gerührt, denn ich wußte, er brauchte das Geld. Ich wollte am nächsten Tage hingehen und es wieder versetzen — ich empfand es nicht mehr als unangenehm, überhaupt nichts würde mir peinlich sein; ich wollte ihm alles herbeischaffen, was er brauchte. Dann kam er zurück — weißt du, was er getan hatte“ — sie lachte unter Tränen — „es in der Volksbank eingelöst und bei einem Privatbankier in Pfand gegeben, wie er sagte. Dort bekam er viel mehr.

Wir bummelten den ganzen darauffolgenden Tag zusammen, siehst du. Champagner und alles Mögliche! Dann blieb ich des Nachts auf, und er spielte — spielte — du großer Gott! Ich lag auf dem Fußboden und heulte. Mir war alles gleich, wenn er nur so spielte — und für mich allein. Ach, du hast ihn nicht spielen hören, du — dann würdest du alles verstehen. Aber danach! Das war eine Geschichte. Wir kämpften auf Leben und Tod. Aber ich entkam ihm doch. Borghild lag wach, als ich heim kam. Mein Kleid war ganz in Fetzen gerissen. — Du siehst aus wie ein Straßenmädchen, sagte Borghild. So wirst du auch noch einmal enden, sagte sie. Ich lachte nur. Die Uhr war fünf.

Schließlich hätte ich mich ja auch ergeben, weißt du. Wäre da nicht ein Hindernis gewesen. Mitunter sagte er: ‚Du bist, weiß der Teufel, auch das einzige anständige Mädchen, das ich getroffen habe — es gibt, weiß Gott, nicht einen einzigen Mann, der dich herumbringen kann.‘ War es nicht furchtbar? ‚Ich habe Achtung vor dir, Pussel!‘ Denk dir, er hatte Achtung vor mir, weil ich das nicht tun wollte, worum er immer gebettelt, weswegen er mir gedroht hatte. Ich, die ich immer wünschte, ich hätte die Kraft — ich wollte ja so gern alles tun, um ihm eine Freude zu machen. Wenn ich nur über diesen Widerwillen hinweggekommen wäre; er war so brutal — und ich wußte, er hatte andere. Ich wünschte, er sollte aufhören mich zu erschrecken — dann hätte ich es gekonnt. Aber dann wäre ich in seinen Augen eine Gefallene gewesen ... Deshalb brach ich schließlich den Verkehr ab, weil er wollte, daß ich etwas tun sollte, um dessentwillen er mich dann verachtet hätte.“

Sie schmiegte sich an Jenny und ließ sich streicheln.