„Nein, das kannst du nicht, Gunnar. Du bist immer erhaben über deine Umgebung gewesen, dessen bin ich sicher. Wenn du in einen Kreis kamst, der in sozialer Hinsicht höher stand als der, in welchem du geboren bist — so warst du auch dort schon der Ueberlegene, wußtest mehr, warst klüger, dachtest vornehmer. Du hast immer in dem starken Bewußtsein leben dürfen, daß du dir alles selbst erkämpft und erarbeitet hast. — Du warst niemals gezwungen, anderen Menschen zu danken, von denen du wußtest, daß sie vielleicht auf dich herabsahen um deiner Herkunft willen — Snobs, die sich etwas darauf zugute taten, einer Begabung hilfreiche Hand zu leisten, von deren Größe sie keinen Dunst hatten, die dir innerlich unterlegen waren und glaubten, über dir zu stehen; du brauchtest niemandem zu danken, gegen den du keine Dankbarkeit empfandest. Du kannst nicht von den Gefühlen des Proletariers reden, Gunnar. Du hast ja niemals gewußt, was das heißt.“

„Ein Mensch, Cesca, der solche Hilfe annimmt — von Leuten, denen gegenüber er Dankbarkeit nicht empfinden kann — ist ein unverbesserliches Individuum der Unterklasse.“

„Aber begreifst du denn das nicht, Junge? Man handelt so, wenn man weiß, daß man Talent hat, vielleicht ein Genie ist, das nach Entwicklung verlangt. Im übrigen, du: der du sagst, du seiest Sozialdemokrat, du solltest nicht von Individuen der Unterklasse sprechen, finde ich.“

„Ein Mensch, der vor seinem eigenen Talent Achtung hat, prostituiert es nicht. Und was den Sozialdemokraten betrifft: Sozialdemokratie, das ist das Verlangen nach Gerechtigkeit. Aber die Gerechtigkeit fordert, daß Leute von seiner Art unterdrückt, auf den Boden der menschlichen Gesellschaft niedergepreßt, mit Ketten und Peitschen niedergehalten werden. Die tatsächliche, legitime Unterklasse muß gebändigt werden.“

„Das ist ein eigentümlicher Sozialismus,“ lachte Hjerrild.

„Es gibt keinen anderen — für reife Menschen. Ich rechne nicht mit den hellen blauäugigen Kinderseelen, die da glauben, alle Menschen seien gut und an dem Bösen sei die Gesellschaft schuld. Wären alle Menschen gut, so wäre die soziale Gemeinschaft ein Paradies. Die Proletarierseelen sind es aber gerade, die das Schlechte hineintragen. Sie sind in allen Gesellschaftsklassen zu finden: sind sie die Herren, so sind sie grausam und brutal; dienen sie, so sind sie kriechend und heuchlerisch und faul. Ich habe genug von dieser Sorte in den Reihen der Sozialdemokraten angetroffen. — Ja, Herrmann rechnet sich ja auch zu den Sozialisten. Wenn sie ein Paar Hände finden, die sie vorwärtsbringen wollen, so nehmen sie die Hilfe an, um hinterher auf diesen selben Händen herumzutrampeln. Wittern sie einen Trupp, der vorwärtsmarschiert, so schließen sie sich ihm an, um Teil an der Beute zu haben — Loyalität aber, Kameradschaftsgefühl, das besitzen sie nicht. Das Ziel — sie verlachen es insgeheim. Die Gerechtigkeit — sie hassen sie im Grunde, denn sie wissen ja, wenn sie siegt, so geht es ihnen übel. — Alle, die die Gerechtigkeit fürchten, nenne ich eben das legitime Proletariat, das bekämpft werden muß, schonungslos. Hat es Macht über die Armen und Schwachen, so quält und tyrannisiert es sie und macht auch sie zu Proletariern. Ist es selber arm und schwach, so kämpft es nicht — nein, es bettelt und heuchelt sich vorwärts und überfällt jeden hinterrücks, wenn es seinen Vorteil darin erblickt. — Das Ziel muß eine Gemeinschaft sein, in welcher die Oberklassenindividuen die Führer sind. Denn diese kämpfen niemals für sich selbst, sie sind sich ihrer eigenen unerschöpflichen Quellen wohl bewußt, sie verschwenden sie an die Armen, kämpfen um Licht und Luft für jedes schwache Zeichen von Gutem und Schönem, das sich bei den kleinen Seelen zeigt, die weder das eine noch das andere sind, gut, wenn sie sichs leisten können, schlecht, wenn das Proletariat sie dazu zwingt. Das Ziel ist, daß diejenigen zur Macht gelangen, die ein Verantwortungsgefühl haben für jede kleinste gute Regung, die unterdrückt wird.“

„Du verstehst trotzdem Hans Herrmann nicht,“ sagte Franziska leise. „Er war nicht nur um seiner selbst willen aufgebracht über das soziale Unrecht. Die kleinen guten Seelen, die untergingen — er war es, der von ihnen sprach, oh ja. Wenn wir einen Spaziergang nach dem Osten der Stadt machten und die kleinen blassen Kinder in den häßlichen, trüben, überfüllten Kasernen sahen, die er, wie er sagte, am liebsten in Brand stecken würde.“

„Phrasen. Wenn er die Hausmiete zu bekommen hätte —.“

„Pfui, Gunnar,“ sagte Franziska heftig.

„Ja, ja, er wäre eben kein Sozialist gewesen, wenn er reich geboren wäre. Aber ein ebenso unverfälschter Proletarier.“