Sie waren auf der Höhe angelangt und gingen über Feld. Jenny sah zur Erde. Es sproß überall auf dem kurzen, struppigen Grasboden. Rosetten von bunten Distelblättern und irgendwelchen großen silberfarbenen Blättern standen und ließen sichs wohl sein in der Sonne. Jenny und Gram schlenderten auf eine einsame Mauermasse zu, die sich aus niedergestürztem Schutt mitten auf dem Anger erhob, formlos und namenlos.

Fahl, graugrün dehnte sich die Campagna rund um sie her in sanften Wellen unter dem hellen Lenzhimmel mit den trillernden Lerchen. Ihre Grenzen verloren sich im Dunst des Sonnenglanzes. Die Stadt dort hinter ihnen wurde zu einer hellen Luftspiegelung, Felsen und Wolken liefen ineinander, und die gelben Bögen der Aquädukte ragten aus dem Lichtnebel, um nach der Stadt zu wieder zu verschwinden. Die zahllosen Ruinen waren nur noch kleine schimmernde Mauerreste, im Grünen verstreut, während Pinien und Eukalyptusbäume vor den rosenroten und ockergelben Häuschen grenzenlos einsam und düster und verlassen in dem lichten Vorfrühlingstage standen.

„Erinnern Sie sich des ersten Morgens, als ich hier unten war, Fräulein Winge? Ich war enttäuscht und ich meinte, es käme von meiner großen Sehnsucht und meinen heißen Träumen, deren Welt so reich war, daß die Wirklichkeit fade und armselig erscheinen müßte. — Haben Sie einmal an einem Sommertage mit geschlossenen Augen in der Sonne gelegen? Schlägt man sie wieder auf und blickt umher, so erscheinen alle Farben plötzlich grau und erloschen. Die Augen sind geschwächt und daher außerstande, die Mannigfaltigkeit der Farben aufzufangen, die sich ihrem ersten Blick darbietet. Der erste Eindruck ist unvollkommen und kläglich. Verstehen Sie, was ich meine?“

Jenny nickte vor sich hin.

„Aehnlich ging es mir hier im Anfang. Rom überwältigte mich. Da sah ich Sie — groß, licht und fern kreuzten Sie meinen Weg. Franziska beachtete ich nicht sogleich, erst in der Trattoria fiel sie mir auf. Ich kam in Ihren Kreis, zu lauter mir unbekannten Menschen — es war das erste Mal, daß ich mit Fremden zusammen war. Die flüchtigen Begegnungen daheim auf dem Wege zwischen Schule und Haus sind nicht zu rechnen. Mich verwirrte das Neue einen Augenblick, ich glaubte, nie mit Menschen reden zu können. Und da überfielen mich Gedanken an die Heimat. Fast sehnte ich mich nach ihr und nach dem Rom, von dem ich gehört und Bilder gesehen hatte. Sie wissen, mein Vater ...“ er lachte kurz auf. „Ich hatte geglaubt, auf andere Art mich nicht zurechtfinden zu können. Bilder betrachten, die andere gemalt, lesen, was andere geschrieben hatten, die Arbeiten anderer enträtseln und ordnen und mit erdichteten Menschen aus den Büchern leben — darin lag meine Welt und mein Können. In Ihrem Kreis fühlte ich mich so grenzenlos verlassen ... Da hörte ich Sie vom Alleinsein sprechen. Und jetzt verstehe ich Sie. Sehen Sie den Turm da draußen? Dort war ich gestern. Es ist der Ueberrest einer Befestigungsanlage aus dem Mittelalter, der Ritterzeit. Eigentlich ist eine große Anzahl solcher Türme in der Umgebung wie in der Stadt selbst erhalten. Man kann eine in die Fassadenreihe der Straße eingebaute Hauswand fast ohne Fenster finden — das ist so ein kümmerlicher Rest aus dem Rom der Raubritter. Von dieser Zeit weiß man verhältnismäßig am wenigsten. Ich beginne jetzt, mich gerade hierfür am meisten zu interessieren. Ich finde Namen verstorbener Menschen in den Archiven — man kennt von ihnen häufig nicht viel mehr als den Namen. Mich verlangt, mehr über sie zu erfahren. Ich träume von dem Rom des Mittelalters — als sie in den Straßen kämpften und aus heißen, roten Kehlen bluteten, als die Stadt voller Raubburgen war — auf denen sie eingesperrt waren, ihre Frauen, Töchter dieser wilden Tiere, ihres Stammes und Blutes — und es geschah, daß auch sie ausbrachen und ins Leben hinausstürzten, das um die schwarzroten Mauern lockte. Herrgott, welch’ ein Strom von Leben ist doch über dieses Land hinweggebraust! Die Wellen brachen sich an jeder Felsenspitze, die Stadt und Burg trug. Und dennoch erheben sich die Felsen über dem Ganzen nach wie vor nackt und öde. Allein die endlosen Massen von Ruinen nur hier draußen in der Campagna! Und die Berge von Büchern, die über Italiens Geschichte geschrieben sind, ja über die ganze Weltgeschichte! Das ganze Heer toter Menschen, das wir kennen. Wie bitter, bitterwenig ist dennoch als Rest verblieben von all den Lebenswogen, die über die Welt hinweggegangen sind, eine nach der anderen ... Ich finde aber eben das so wunderbar! ... Nun habe ich so viel mit Ihnen gesprochen, Jenny. Und Sie ebenso viel mit mir. Trotzdem aber kenne ich Sie ganz und gar nicht. Wie Sie jetzt dort stehen — Sie sollten sich selber sehen! Wie ihr Haar schimmert! So sind auch Sie ein solcher unbekannter Turm für mich. Und das ist gerade das Wundersame. Haben Sie jemals darüber nachgedacht, daß Sie niemals Ihr eigenes Antlitz gesehen haben? Nur ein Spiegelbild. Unser Gesicht, wenn es schläft, wenn es die Augen schließt — das können wir niemals sehen. Ist das nicht seltsam? Damals war mein Geburtstag. Heute ist es der Ihre. Sie werden achtundzwanzig. Freuen Sie sich dessen? Sie finden ja, jedes Jahr, das man durchlebt hat, ist kostbar.“

„Das sagte ich nicht. Ich meinte nur, meist hat man in den ersten fünfundzwanzig Jahren vieles durchzukämpfen, so daß man froh sein kann, wenn sie überstanden sind —.“

„Und jetzt?“

„Jetzt —“.

„Ja. Wissen Sie so sicher, was Sie im kommenden Jahre erreichen werden? Wie Sie die Zeit am besten nützen? Das Leben ist so ungeheuer reich an Möglichkeiten — nicht einmal Sie mit all Ihrem Reichtum an Kraft können sich alles untertan machen. Denken Sie daran nie — beunruhigt das niemals Ihr Herz, Jenny?“

Sie lächelte nur, sah nieder und zertrat ein Zigarettenstümpfchen, das sie hingeworfen hatte. Ihre Knöchel schimmerten weiß durch den schwarzen, durchsichtigen Strumpf. Sie folgte mit den Augen einer grauweißen Schafherde, die die Hügelböschung gerade ihnen gegenüber hinablief.