Nein, es machte ja nichts. Er hatte ja doch ganz ehrlich darum gebeten, weil er glaubte, er wäre verliebt in sie und weil die Sonne schien. Er hatte sie nicht darum gebeten, ihn zu lieben — nichts hatte er verlangt außer einem harmlosen Kuß. Und sie hatte ihn hingegeben, schweigend. Das alles war schön gewesen. Da war nichts geschehen, um dessentwillen sie sich hätte schämen müssen.
Herrgott — achtundzwanzig Jahre war sie geworden. Sie verhehlte es sich selbst auch nicht, daß sie sich nach einem Manne sehnte, den sie liebte und der sie lieb hatte, an den sie sich fest anschmiegen konnte. Jung war sie, gesund und schön — warm war sie und voller Sehnsucht —. Aber da sie mit kalten Augen sah, und sich selber niemals etwas vorzulügen pflegte ...
Sie war dem einen oder anderen Manne begegnet und hatte sich gefragt: ist es dieser? Diesen oder jenen hätte sie vielleicht lieben können, wenn sie wirklich gewollt hätte — wenn sie nachgeholfen und die Ohren der leisen Stimme verschlossen hätte, die immer da war — und die einen hartnäckigen Widerspruch in ihr erweckte, den sie hätte betäuben müssen. Aber keinen hatte sie getroffen, den sie hätte lieben müssen.
So hatte sie es nicht gewagt —.
Cesca freilich vermochte es zu ertragen, daß einer nach dem anderen sie küßte und sie umschmeichelte. Ihr machte es nichts aus. Es berührte nur ihre Lippen und ihre Haut. Nicht einmal Hans Herrmann, den sie doch liebte, konnte ihr merkwürdig dünnes, erstarrtes Blut erwärmen.
Sie selbst war anders. Ihr Blut war rot und warm. Das Glück, nach dem sie sich sehnte, sollte heiß und verzehrend sein, aber rein und fleckenfrei. Sie selbst wollte gut und treu und ehrlich gegen den sein, dem sie sich hingab. Es mußte einer kommen, der sie ganz hinnehmen konnte, so daß keine Regung in ihr unberührt blieb und irgendwo tief drinnen verkam und vergiftet wurde —. Nein — sie wagte es nicht, wollte nicht leichtsinnig sein. Sie nicht —.
Dennoch — sie konnte die Menschen begreifen, die der Mühe des Wollens aus dem Wege gingen. Einen Trieb bezähmen und ihn schlecht nennen, einen anderen aber großziehen und ihn gutheißen. Allen kleinen billigen Freuden entsagen, seine Kräfte aufsparen in Erwartung einer großen Freude. Die vielleicht — vielleicht niemals kam. Sie war sich durchaus nicht gewiß, daß ihr Weg zu ihrem Ziele führte, daß es ihr nicht doch einmal Eindruck machen könnte, wenn Menschen zynisch einräumten, keinen bestimmten Weg zu gehen und keine Ziele zu haben, während diejenigen, die sich an die Moral und ihre Ideale hielten, nach dem Monde im Wasser fischten.
Auch sie hatte es einst erlebt, vor vielen Jahren, daß ein Mann sie in einer Nacht bat, mit ihm nach Hause zu gehen — ungefähr so, als hätte er sie eingeladen, ihn in eine Konditorei zu begleiten. In Wirklichkeit reizte es sie wohl gar nicht — außerdem wußte sie, Mama saß oben und wartete auf sie, so daß es völlig unmöglich war. Auch kannte sie den Menschen kaum, mochte ihn nicht leiden und war obendrein ärgerlich, daß er sie an diesem Abend nach Haus begleiten wollte. Sie hatte kein sinnliches Empfinden dabei, nur eine intellektuelle Neugierde trieb sie dazu, in Gedanken einen Augenblick mit der Frage zu experimentieren: Wenn ich es nun täte? Was würde ich empfinden, wenn ich Willen und Selbstbeherrschung und meinen alten Glauben über Bord würfe? —
Es war nur dieser Gedanke, der einen aufreizenden, wollüstigen Schauder durch ihren Körper gejagt hatte. War dieses Leben besser als ihr eigenes —?
Denn mit ihrem eigenen war sie ja an diesem Abend nicht zufrieden. Sie hatte wieder dagesessen und dem Tanz der anderen zugeschaut — Wein hatte sie auch getrunken, die Musik umtoste sie, und sie hatte gesessen und die bittere Einsamkeit gefühlt, zu der sie, so jung noch, verdammt war, weil sie ja nicht tanzen, nicht die Sprache der übrigen Jugend sprechen, nicht in ihr Lachen einstimmen konnte — dabei hatte sie noch versucht, zu lächeln und zu plaudern und sich wieder den Anschein zu geben, als unterhielte sie sich gut. Während sie dann in der eiseskalten Frühlingsnacht heimging, dachte sie daran, daß sie am nächsten Morgen um acht Uhr eine Vertretung in der Kampfschen Schule übernehmen mußte. Sie arbeitete an ihrem großen Bilde, und es war immer noch so tot und schwerfällig, wie sie sich auch mühte und abarbeitete — in den freien Stunden, bis um sechs Uhr ihre Privatschülerinnen zum Mathematikunterricht kamen. — Sie arbeitete hart zu jener Zeit, so daß sie manchmal das Gefühl hatte, als zittere jeder Nerv vor Ueberspannung — und doch hielt sie in dieser bewußten Ueberanstrengung aus bis zu den Sommerferien.