Und da hatte sie sich einen Augenblick gewissermaßen von seinem Zynismus angezogen gefühlt — wohl nur einen Augenblick — aber ... Sie hatte zu dem Menschen aufgelächelt und Nein gesagt, so trocken und geradezu, wie er gefragt hatte.

Er war übrigens ein Narr, denn nun begann er, ihr Predigten zu halten — flaue Komplimente, sentimentalen Unsinn von Jugend und Lenz, dem Recht der Leidenschaft und dem Evangelium des Blutes. Sie lachte ihn ganz ruhig aus und rief eine vorüberfahrende Droschke herbei.

Oh nein, sie war reif genug, um die begreifen zu können, die sich brutal weigerten, für irgend etwas im Leben zu kämpfen, und sich statt dessen niederlegten und vom Strome treiben ließen —. Aber die Grünschnäbel, die davon faselten, eine Mission zu erfüllen, wenn sie sich nach ihrem Geschmack amüsierten — diese Jugend, die für das ewige Recht der Natur zu kämpfen vorgab, während sie es nicht der Mühe wert hielt, ihre Zähne zu putzen und ihre Nägel zu reinigen — die konnte sie nicht irreführen.

Es war wohl am besten für sie, an ihrer eigenen kleinen Moral festzuhalten. Die baute sich im wesentlichen auf Wahrhaftigkeit und Selbstbeherrschung auf.

Diese Moral hatte sich zu formen begonnen, als Jenny auf die Schule kam. Sie war nicht wie die anderen Kinder in der Klasse, nicht einmal in der Kleidung. Ihre kleine Seele aber war ganz, ganz anders. Sie lebte ja mit ihrer Mutter zusammen, die zwanzigjährig Witwe geworden war und nichts auf der Welt besaß als ihr kleines Mädchen. Und auch mit ihrem Vater zusammen, der gestorben war, lange bevor sie sich erinnern konnte. Er war im Grabe und im Himmel, aber in Wirklichkeit wohnte er daheim bei Mutter und ihr —. Sein Bild hing über dem Klavier und seine Augen schauten auf alles herab, was Mutter und sie unternahmen, er hörte alles, was sie sagten — die Mutter sprach beständig von ihm und erzählte, was er zu allen Dingen meinte — dies dürften sie tun und dies müßten sie lassen des Vaters wegen. Jenny sprach von ihm, als kenne sie ihn, und des Abends sprach sie mit ihm und mit Gott, der ja mit Vater zusammen war und ebenso dachte, wie der Vater.

Der erste Schultag. Jenny entsann sich seiner deutlich und lächelte in die dunkle römische Nacht hinaus.

Die Mutter hatte sie unterrichtet, so daß sie mit acht Jahren in die dritte Klasse kam. Die Mutter pflegte immer alles an Beispielen zu erklären, die Jenny kannte. Sie wußte also sehr wohl, was ein Vorgebirge war. Da fragte die Lehrerin in der Geographiestunde gerade sie, ob sie ein norwegisches Vorgebirge nennen könnte. Jenny sagte „Naesodden.“[1]

[1] Anm. der Uebersetzerin: N. ist eine Halbinsel, Kristiania gegenüber, während die im folgenden Absatz genannten Kaps große Vorgebirge sind.

Die Lehrerin lächelte, und die ganze Klasse lachte. „Signe,“ sagte die Lehrerin, und ein kleines Mädchen erhob sich und sagte prompt: „Nordkap, Stat, Lindesnes.“ Jenny aber lächelte überlegen, gleichgültig, über der anderen Gelächter. Das war vielleicht der erste Zusammenstoß. — Sie hatte niemals Kameraden unter den anderen Kindern gehabt. Und sie bekam auch niemals welche.

Ueberlegen und gleichgültig hatte sie zu dem Gehänsel und Gespött der ganzen Klasse gelächelt, aus einem schweigenden und unversöhnlichen Haßgefühl heraus, das sich zwischen sie — die nicht so war wie jene — und alle die übrigen Kinder schob, die für sie eine einförmige Masse waren, ein vielköpfiges Ungeheuer. Die verzehrende Wut, die unter all ihren Quälereien in Jenny aufstieg, verschloß sie hinter höhnischem, gleichgültigem Lächeln. Die wenigen Male, da ihre Selbstbeherrschung sie im Stiche ließ — ein einziges Mal hatte sie in Leid und Verbitterung gar jämmerlich geschluchzt — die wenigen Male hatte sie bemerkt, wie die anderen triumphierten. Nur, wenn sie „hochmütig“ war, wenn die anderen von ihrer indianischen Gefühllosigkeit ihrem Tun und Lassen gegenüber verwirrt wurden, konnte sie sich gegen die vielen behaupten.