Sie war wohl ungefähr zehn Jahre alt, als die Mutter Ingenieur Berner traf. Die beiden waren zusammen in einem Büro tätig gewesen.

So klein sie war, hatte sie es doch gleich begriffen. Der tote Vater entglitt gleichsam dem Heim. Sein Bild hing weiterhin an seinem Platz — aber nun war er tot. Plötzlich kam ihr das Verständnis dafür, was der Tod bedeutete. Die Toten existierten nur in der Erinnerung der Lebenden — die Anderen konnten willkürlich ihr armseliges Schattendasein auslöschen. Dann waren sie gar nicht mehr vorhanden.

Sie verstand, warum die Mutter wieder so jung, so schön und froh wurde. Sie sah wohl den Lichtschein, der über ihr Antlitz sich breitete, wenn Berner an ihrer Türe läutete. Sie saß und hörte die beiden miteinander sprechen. Niemals waren es Dinge, die das Kind nicht mit anhören durfte, sie schickten sie nie hinaus, wenn sie in der Mutter Heim zusammen waren. Bei aller Eifersucht, die sie im Herzen trug, fühlte Jenny, daß es so vieles gab, worüber eine Mutter nicht mit einem kleinen Mädchen sprechen konnte. Und diese Erkenntnis rief ein starkes Gerechtigkeitsgefühl in ihr wach — sie wollte ihrer Mutter nicht zürnen. Hart war es indessen doch.

Aber das zu zeigen, war sie zu stolz. Wenn jedoch die Mutter dem Kinde gegenüber Gewissensbisse empfand und sie nervös und ganz unvermittelt mit Zärtlichkeit und Fürsorge überschüttete, so schwieg sie kalt und abweisend. Und sie schwieg, als die Mutter sagte, sie solle Berner Vater nennen, und ihr eifrig erzählte, wie lieb er die kleine Jenny hätte. — In den Nächten versuchte sie, zu ihrem eigenen, richtigen Vater zu sprechen wie ehedem — leidenschaftlich versuchte sie, ihn am Leben zu erhalten. Sie vermochte es aber nicht allein — sie kannte ihn ja nur aus den Erzählungen der Mutter. Nach und nach starb Jens Winge auch für sie. Und da er auch der Mittelpunkt all ihrer Vorstellungen von Gott, dem Himmelreich und dem ewigen Leben gewesen war, so verblaßten auch diese mit seinem Bilde. Sie erinnerte sich, daß sie schon im Alter von dreizehn Jahren dem Religionsunterricht mit vollbewußtem Unglauben zugehört hatte. Und da alle anderen in der Klasse an Gott glaubten, und den Teufel fürchteten und dennoch feig und grausam, schmutzig und gemein waren, jedenfalls in ihren Augen, so wurde die Religion für sie zu etwas beinahe Verächtlichem, Feigem, das zu ihnen gehörte.

Gegen ihren Willen mußte sie Sympathie für Nils Berner haben. In der ersten Zeit, nachdem er die Mutter geheiratet hatte, mochte sie ihn eigentlich lieber als die Mutter. Er forderte nicht das Recht des Vaters über die Stieftochter — klug, gut und natürlich kam er ihr entgegen. Sie war das Kind der Frau, die er liebte, und deshalb liebte er auch Jenny.

Was sie ihm verdankte, erkannte sie erst jetzt als Erwachsene klar. Wieviel Krankhaftes und Verschrobenes hatte er ihr doch ausgetrieben und an ihr bekämpft! Solange sie mit der Mutter allein in dieser treibhausschwülen Luft von Zärtlichkeit, Fürsorge und Träumerei gelebt hatte, war sie furchtsam gewesen, hatte Angst vor Hunden, Straßenbahnen, Angst vor Zündhölzern, hatte vor Allem Angst. Die Mutter wagte kaum, sie allein zur Schule gehen zu lassen. Und wie empfindlich war sie gegen körperlichen Schmerz gewesen!

Berners erste Tat war, das Mädel mit hinauf in die Wälder zu nehmen. Sonntag für Sonntag zog er mit ihr in die Nordmarken. In brennender Sommersonne, in weicher Lenzluft und strömendem Herbstregen, den ganzen Winter über auf Schneeschuhen. Und Jenny, die es gewöhnt war, ihre Gefühle nicht zu offenbaren, versuchte, Müdigkeit und Angst zu verbergen. Bis sie sie nach einer Weile gar nicht mehr empfand.

Berner lehrte sie, Karte und Kompaß zu gebrauchen. Er verhandelte mit ihr wie mit einem Kameraden. Er lehrte sie, Zeichen für Wetterumschwung in Wind und Wolken zu entdecken, Zeit und Richtung aus dem Stande der Sonne zu lesen. Mit Tieren und Pflanzen machte er sie vertraut. Sie zeichnete und malte Blumen mit Wasserfarben, Wurzel und Stengel, Blatt und Knospe, Blüte und Frucht. Ihr Skizzenbuch und sein Photographenapparat lagen immer im Rucksack.

Wieviel Liebe und Güte der Stiefvater in dieses Erziehungswerk gelegt hatte, konnte sie erst jetzt ermessen. Ein kleines unscheinbares Mädchen hatte er zum Kameraden gemacht und erzogen, sie, die so ungeschickt gewesen, wie ein blindes Kätzchen nach der Geburt. Er, der namhafte Skiläufer und Bergsteiger in Jotunheim und auf den Bergzinnen des Nordlandes!

Er hatte ihr versprochen, sie mit dort hinaufzunehmen. Das war in dem Sommer, als sie fünfzehn Jahre alt war, dem schwierigsten Alter. Da hatte er sie auf Schneehühnerjagd mitgenommen. Die Mutter mußte daheim bleiben — sie trug damals das Kleine.