Sie wohnten in einer einsamen kleinen Sennhütte unterhalb Rondane. Oh, niemals war sie je so glücklich gewesen wie in jenen Morgenstunden, wenn sie in ihrem kleinen Alkoven erwachte. Sie mußte aufstehen und für Berner Kaffee kochen; er nahm sie dann mit hinauf auf die Rondespitzen und in die Stygfelsen, auf Engelfahrten, oder sie gingen hinab ins Foltal, um Proviant zu holen. Wenn er draußen war und jagte, dann badete sie in eisigen Gebirgsbächen oder wanderte endlose Wege über herbstlich öde Strecken. Oder sie saß in der Hüttentür, strickte und träumte romantische Sennerinnenträume von einem Jäger, der Berner recht ähnlich sah, nur ganz jung war und bildschön. Er sollte aber erzählen, wie Berner es tat, des Abends am Herd, von Jagd und Gebirgsfahrten; er sollte ihr auch ein Gewehr versprechen und sie mit hinausnehmen auf nie erstiegene Zinnen, wie Berner es versprochen hatte.

O ja, sie entsann sich, wie sie damals begriff, daß die Mutter ein Kind haben sollte. Wie zerquält, beschämt, unglücklich sie war, als sie es entdeckte. Sie suchte vor der Mutter zu verbergen, was sie empfand, ganz gelang es ihr nicht, das wußte sie. Erst Berners Angst um sein Weib, als die Stunde der Geburt sich näherte, brachten eine Veränderung in ihre Gefühle. Er sprach mit Jenny darüber: „Ich habe Angst, Jenny. Ich habe deine Mutter doch so lieb, weißt du.“ Er sprach auch davon, wie krank sie gewesen war, als Jenny geboren wurde.

Das Gefühl des Unnatürlichen und Unreinen an dem Zustand der Mutter wich von ihr, während er sprach. Aber auch das Gefühl, daß das Verhältnis zwischen ihr und der Mutter etwas Mystisches und Uebernatürliches war. Es wurde alltäglich und selbstverständlich — sie war geboren worden, und die Mutter hatte Schweres erlitten um ihretwillen, sie war sehr klein gewesen, hatte der Mutter bedurft, und um alles dessentwillen hatte sie die Mutter geliebt. Nun aber kam ein neues kleines Kind, das der Mutter mehr bedürfen würde. Jenny fühlte sich mit einem Male erwachsen, sie hatte Sympathie sowohl für die Mutter als für Berner und sie tröstete ihn altklug: „Ja, aber du weißt doch, es pflegt doch gut auszugehen. Ich finde, sie sterben doch fast nie daran.“

Dennoch hatte sie vor Verlassenheit geweint, als sie ihre Mutter mit dem neuen kleinen Kinde sah, das all ihre Zeit und ihre Sorge in Anspruch nahm.

Aber sie gewann das kleine Ding lieb, besonders als Klein-Ingeborg das erste Jahr überschritten hatte und der süßeste, schwärzeste kleine Zigeunerkobold wurde, den man sich denken konnte, und als die Mutter ein neues Kindchen bekam.

Eigentlich hatte sie niemals das Gefühl gehabt, als seien die Bernerschen Kinder ihre Geschwister. Sie glichen ganz ihrem Vater. Jetzt bezeichnete sie ihr Verhältnis zu ihnen annähernd als tantenhaft — sie kam sich fast wie eine ältere „vernünftige Tante“ vor, sowohl ihrer Mutter als den Kindern gegenüber.

Als das Unglück geschah, war die Mutter jünger und schwächer als Jenny. Sie war wieder jung geworden, Frau Winge, in ihrer neuen glücklichen Ehe, nur ein wenig müde und mitgenommen von den drei Wochenbetten, die dicht aufeinander folgten. Nils war nur fünf Monate alt, als sein Vater starb.

Berner stürzte eines Sommers drüben von den Skagastölspitzen ab und starb auf der Stelle. Jenny war damals sechzehn Jahre alt. Die Verzweiflung ihrer Mutter war grenzenlos; sie liebte ihren Mann und war von ihm vergöttert worden. Jenny versuchte, ihrer Mutter zu helfen, so gut sie konnte. Wie sehr sie selber um ihren Stiefvater trauerte, zeigte sie niemanden. Sie wußte nur zu gut, daß sie den einzigen Kameraden verloren hatte, den sie je besessen.

Nach dem Mittelschulexamen war sie auf die Zeichenschule gegangen und hatte zu Hause geholfen. Berner hatte sich immer für ihre Zeichnungen interessiert und war der erste gewesen, der sie einiges über Perspektive und dergleichen lehrte, soviel, wie er selber wußte. Er hatte geahnt, daß sie Talent hatte.

Leddy, seine Hündin, zu behalten, dazu fehlten ihnen die Mittel. Die beiden kleinen, dicken Jungen wurden verkauft, und die Mutter meinte auch, Leddy müßte weggegeben werden — es war ein kostbares Tier. Es trauerte tief um seinen Herrn. Aber niemand anderes durfte Berners Hund bekommen, wenn sie ihn nicht selbst behalten konnten — das setzte Jenny durch; einmal bekam sie aus diesem Anlaß einen hysterischen Anfall. Sie brachte das Tier selbst an einem Abend zu Rechtsanwalt Iversnäs, Berners altem Kameraden, der es an einem Sonntage mit über Land nahm, es erschoß und neben einer Hütte begrub.