Was Berner ihr gewesen war — Kamerad und Freund — das versuchte sie, seinen Kindern zu sein. Zu den Stiefschwestern wurde das Verhältnis, als sie nach und nach heranwuchsen, weniger innig, jedoch ganz freundschaftlich — sozusagen mit großem Abstand. Jenny machte auch nicht den Versuch, ihnen näherzukommen. Sie waren jetzt zwei sehr liebe, kleine Mädchen im Backfischalter, mit Bleichsucht, kleinen Verliebtheiten, Freunden und Freundinnen und ständigen Tanzvergnügen, munter und reichlich indolent. Doch der kleine Nils und Jenny waren im Laufe der Jahre immer bessere Kameraden geworden. Kalfatrus hatte Vater den kleinen Burschen getauft, und Jenny behielt den Namen bei. Er selbst nannte die Schwester Indiana.

In den ganzen letzten Jahren der Trübsal waren die Nordmarksfahrten mit Kalfatrus die einzigen Stunden gewesen, in denen sie sich ausruhte. Am liebsten zogen sie im Frühling oder Herbst hinaus, wenn nur wenig Menschen in den Wäldern waren. Dann saß sie mit dem Jungen schweigend da und starrte in das Feuer, das sie sich gemacht hatten — oder sie lagen langgestreckt auf dem Boden, in ihrem eigenen fürchterlichen Pöbeljargon schwatzend, den sie daheim nicht hören lassen durften mit Rücksicht auf die Gefühle der Mutter.

Das Porträt von Kalfatrus war das erste Bild, mit dem sie zufrieden gewesen war. Es war auch brillant, und Gunnar schwor darauf, daß es in die Galerie hätte kommen müssen. Sie hatte seitdem auch nie wieder ein Bild gemalt, das so gut gelungen war.

Sie hätte Berner malen müssen, Papa. Sie hatte ihn so gerufen, als seine Kinder zu sprechen anfingen. Damals hatte sie auch die Mutter Mama genannt. Damit hatte sie gewissermaßen vor sich selbst die Veränderung bestätigt, die mit der Mutter ihrer kurzen Kindheit und in dem Verhältnis zwischen ihnen vor sich gegangen waren.

Und dann die erste Zeit hier unten! Als endlich der wahnsinnige Druck wich, der auf ihr gelegen hatte. Dieser Druck hatte ihr weh getan. Jetzt fühlte sie erst, wie jeder Nerv in ihr vor Ueberanstrengung gezittert hatte. Und sie hatte geglaubt, sie sei zu alt geworden, um jemals die Jugend zurückzuerobern. Von Florenz erinnerte sie sich an nichts weiter, als daß sie dort gefroren und sich verlassen gefühlt und nicht imstande gewesen war, das Neue in sich aufzunehmen. Ab und zu sah sie blitzartig den unendlichen Schönheitsreichtum um sich her und wurde verrückt vor Sehnsucht danach, ihn zu erfassen, zu verstehen und jung zu sein, zu lieben und geliebt zu werden.

Dann die Lenztage, als Gunnar und Franziska sie mit nach Viterbo nahmen. Sonnenschein in dem nackten Eichenwalde, wo Anemonen und Veilchen und gelbe Aurikeln in dichten Massen zwischen dem bleichen, welken Laube blühten. Die kochenden, stinkenden Schwefelquellen, die draußen auf der fahlen steppenartigen Ebene vor der Stadt dampften, das Feld rings um den klagenden Quell war leichenblaß von erstarrtem Kalk. Der Hohlweg dort hinaus mit den Tausenden von smaragdgrünen, blitzähnlich hin- und herschießenden Vögeln in den Steinwällen, die Olivenbäume in den Wiesen, über denen weiße Schmetterlinge sich wiegten. Dann die alte Stadt mit den singenden Springbrunnen, den schwarzen mittelalterlichen Häusern und den Türmen an der Ringmauer und über allem der Mondschein in den Nächten. Und der gelbe, leicht prickelnde Wein, der von der vulkanischen Erde, auf der er gewachsen war, feurig schmeckte.

Sie hatte mit den neuen Freunden Brüderschaft getrunken. Des Nachts vertraute Franziska ihr die Geheimnisse ihres ganzen bunten jungen Lebens an und kroch schließlich in ihr Bett, um sich trösten zu lassen. Während sie lag, wiederholte sie: Wie gut du bist! In der Schule hatte ich immer Angst vor dir! Daß du so gut bist!

Gunnar war in beide verliebt. Er war übermütig wie ein junger Faun von Lenz und Sonne. Und Franziska ließ sich küssen und lachte und nannte ihn einen Schwatzmichel.

Sie aber hatte Angst — nicht vor ihm. Aber sie wagte nicht, seinen heißen roten Mund zu küssen, weil es sie nach etwas Sinnlosem, etwas Berauschendem und Leichtsinnigem gelüstete, das nur diese Tage über währen sollte, während Sonne und Lenz und Anemonen leuchteten und sie hier waren, etwas, worüber sie sich keine Rechenschaft zu geben brauchte. Sie wagte aber nicht, aus ihrem alten Ich zu schlüpfen, sie fühlte, sie würde dem Leichtsinn nicht leichtsinnig ein Ende machen können und er gewiß auch nicht. Sie hatte Gunnar Heggen des öfteren beobachtet — mit anderen Frauen, mit denen er kleine Liebeleien gehabt hatte. Er war so, wie sie waren, und doch wieder nicht ganz, tief im Innern war er er selbst, ein Mann, der besser war als die meisten Frauen.

Später hatte er über seine eigene Verliebtheit gelacht. Sie waren Freunde geworden, mehr und mehr. In der herrlichen, friedvollen, arbeitsreichen Zeit in Paris und später wieder hier unten.