Aber dies hier mit Gram war ja etwas ganz anderes. Er weckte wahrhaftig keine verwegenen Gelüste oder wilden Sehnsuchtsgefühle in ihr. Herrgott — sie mochte ihn eben gern. Er war durchaus nicht dumm, wie sie erst gedacht hatte, nur gleichsam verschüchtert war er gewesen, als er hierher kam. Das war nun freilich etwas, das sie am besten hätte verstehen müssen. Etwas Weiches, Junges und Frisches lag über ihm, das sie an ihm gern mochte. Es war ihr deshalb, als sei er viel mehr als nur zwei Jahre jünger als sie. Was er indes von seiner Verliebtheit sagte — war es wohl etwas anderes als nur ein kleiner Ueberschuß an Freude, wie sie ihn bei all dem Neuen und Befreienden erfaßte? Es war sicher ganz ungefährlich, sowohl für ihn als für sie.

Sie hatten sie wohl lieb, die zu Hause. Franziska und Gunnar auch. Und doch — ob wohl einer von ihnen heute Nacht an sie dachte? Sie war ganz und gar nicht betrübt darüber, daß sie von einem wußte, der es tat.

IX.

Als sie am Morgen erwachte, sagte sie zu sich selber, er würde wohl nicht kommen, und das wäre natürlich auch das Beste. Als er aber an ihre Türe klopfte, war sie dennoch froh.

„Fräulein Winge, ich habe noch nicht gefrühstückt, können Sie mir nicht ein wenig Tee geben und einen Bissen Brot?“

Jenny sah sich im Zimmer um.

„Ja, hier ist aber noch nicht aufgeräumt, Gram.“

„Ich mache die Augen zu, und dann sperren Sie mich hinaus auf den Balkon,“ sagte er an der Tür. „Ich bin ja so schrecklich durstig auf Tee!“

„Na ja, dann warten Sie einen Augenblick.“ Jenny warf die Decke über das ungemachte Bett und räumte den Waschtisch auf. Den Frisiermantel vertauschte sie gegen ihren langen Kimono.

„So, bitte. Setzen Sie sich auf den Balkon hinaus, dann werde ich Ihnen Tee bringen.“