„Du verstehst es, eine Kaltwasserkur zu verordnen,“ sagte Helge lachend.

Jenny wurde plötzlich ernst. Sie ging auf ihn zu und legte beide Hände auf seine Schultern, indem sie ihn küßte:

„Ich will nicht, daß du auf dem Erdboden zu meinen Füßen liegst, Helge!“

Als er aber gegangen war, schämte sie sich. Es war wohl doch so, als wenn sie eine Kaltwasserkur hätte verordnen wollen, dachte sie. Sie wollte es aber nicht wieder tun. Sie liebte ihn doch.

Heute Abend hatte sie eine Niederlage erlitten. Ihr war der Gedanke gekommen, was wohl Signora Rosa sagen würde, wenn sich etwas ereignete. Und diese Furcht vor einem Auftritt mit einer gekränkten Signora, und ihr eigener Versuch, aus diesem Grunde das Versprechen, das sie ihrem Jungen gegeben hatte, nicht einzulösen, demütigte sie.

Denn, als sie seine Küsse entgegennahm, seine Küsse erwiderte, da verpflichtete sie sich ja, ihm alles zu geben, was er von ihr erbitten würde. Sie war ja die Letzte, die sich auf ein Spiel einlassen wollte — Liebe annehmen und Kleinigkeiten zurückgeben, nicht mehr, als daß sie sich ohne Verlust von dem Spiele zurückziehen könnte, wenn sie sich anders entschieden hätte.

Diese Angst vor etwas, das sie noch nie durchgemacht hatte, war im Grunde nur Nervosität.

Und doch, sie war froh gewesen, solange er sie nicht um mehr gebeten, als sie fröhlich gewähren konnte. Die Stunde mußte ja kommen, wo sie selbst den Wunsch hatte, ihm alles zu geben.

Ach, es war so langsam und unmerklich gekommen, wie der Frühling hier im Süden. Ebenso gleichmäßig und sicher, ohne schroffe Uebergänge. Es gab keine kalten und stürmischen Tage, die das Herz wild machten vor Sehnsucht nach Sonne und überströmendem Licht, nach verzehrender Glut. Keinen jener unheimlich klaren, endlosen, hinreißenden Lenzabende wie daheim. War der Sonnentag vorübergegangen, so fiel die Nacht still und gleichmäßig hernieder, die Kühle kam im Gefolge der Finsternis und verleitete nur zu geborgenem, ruhigem Schlummer zwischen den warmen, schimmernden Tagen. Jeder Tag war ein wenig wärmer als der vergangene, jeder Tag brachte einige Blumen mehr auf der Campagna, die doch nicht grüner war als gestern und dennoch soviel grüner und weicher als vor einer Woche.

So war zu ihr auch die Liebe gekommen. Jeden Abend war ihre Sehnsucht nach dem folgenden Sonntag mit ihm draußen vor den Mauern gewachsen und ganz allmählich wandelte sich ihr Sehnen und suchte ihn selber und seine junge, warme Liebe. Sie hatte seine Küsse hingenommen, weil es sie glücklich machte, und Tag für Tag waren ihrer Küsse mehr, bis endlich die Gespräche zwischen ihnen verstummt und zu lauter Küssen geworden waren.