Sie sah, daß er reifer und männlicher wurde, mit jedem Tage. Alle Unsicherheit glitt von ihm ab; die plötzliche Niedergeschlagenheit überfiel ihn jetzt nie mehr. Sie selbst wurde sicherer, wärmer, fröhlicher. Es war nicht mehr ihrer Jugend kühle, streitbare Selbstsicherheit, sondern eine herzliche Sorglosigkeit; sie war nicht mehr mißtrauisch gegen das Leben, das sich ihren Träumen nicht hatte fügen wollen. Jetzt nahm sie vertrauensvoll jeden Tag hin, in froher Erwartung, daß das Unvorhergesehene gut werde und zum Guten gewendet werden könne.
Warum sollte die Liebe nicht so kommen dürfen — langsam wie die Wärme, die von Tag zu Tag wuchs und sich Zeit ließ, sich auszubreiten und glühender zu werden. Weil sie früher geglaubt hatte, die Liebe käme wie ein Unwetter, das im Nu einen anderen Menschen aus ihr schüfe, den sie selbst nicht kannte, über den ihr alter Wille keine Macht mehr hatte?
Helge — er nahm dieser Liebe langsames, gesundes Erblühen so unendlich sanft und ruhig hin. An jedem Abend, wenn sie einander Gute Nacht gewünscht hatten, war ihr Herz von Dank für ihn erfüllt, daß er sie nicht um mehr gebeten, als sie an diesem Tage geben konnte.
Oh, wenn sie doch nur hierbleiben könnte, bis zum Mai, zum Sommer, den ganzen Sommer über! Wenn ihre Liebe hier unten reifen könnte, bis sie ganz eins geworden waren, so selbstverständlich, wie sie jetzt einander näher traten.
Irgendwo in den Bergen zusammen wohnen können, diesen Sommer! Die Formalitäten der Eheschließung könnten sie dann hier in der Stadt in Ordnung bringen oder im Herbst zu Hause. Natürlich wollten sie sich heiraten, wie es üblich war, wenn zwei einander liebten.
Dachte sie daran, daß sie nach Hause reisen sollte, so war es ihr, als fürchte sie, aus einem Traum zu erwachen.
Aber das war ja alles Unsinn. Sie hatten sich doch so unsagbar lieb. Nein, sie konnte diese Störungen mit Verlöbnis und Besuch bei Verwandten und dergleichen nicht leiden. Doch das waren Nichtigkeiten.
Aber ewig Dank für diesen weichen Lenz hier unten, der sie so still und sanft einander zugeführt hatte, Beide allein draußen zwischen den Tausendschön der frühlingsjungen Campagna.
„Glaubst du nicht, Jenny wird es eines Tages bereuen, daß sie sich mit diesem Gram verlobt hat,“ fragte Franziska Gunnar Heggen, als sie einmal oben bei ihm saß.
Heggen wendete und drehte seine Zigarre hin und her. Er bemerkte plötzlich, daß es ihm früher niemals in den Sinn gekommen war, wie indiskret es sei, Franziskas Angelegenheiten mit Jenny zu erörtern. Aber über Jennys intimere Verhältnisse mit Franziska zu sprechen, war etwas anderes.