Die Kleine nahm das größte Stück für sich: Das ganze feste Land des Alterthums ward ihr Reich; Afrika, Asien, und Europa fielen unter ihre Bothmässigkeit. Ihre vornehmste Beschäfftigung war, die

Menschengestalten, die sich da befanden, zu verderben; aber vorzüglich übte sie sich in ewigen Kriegen gegen die Schönheit.

Die Andere trieb Anfangs ihren Ehrgeiz nicht so weit: sie begnügte sich, den Zepter über Amerika zu führen: Da pflegte sie des Umgangs mit den Schlangen, und allem kriechenden Ungeziefer, welche diesen schönen Theil der Welt verheeren: allein der Theil, auf welchen sie ihre Gewalt ausbrechen ließ, war nicht das Gesicht; sondern sie griff unmittelbar das an, was die Schönheit nützlich, oder schätzbar macht.

So lebten sie über fünf tausend Jahre, einsam, jede in ihrem Aufenthalte. Nur erst im fünfzehnten Jahrhunderte kam sie die Lust an, sich zu besuchen, da sie zu ihrer Reise die spanischen Flotten sehr gemächlich fanden. Sie mußten keine Ursache gefunden haben, es sich gereuen zu lassen: von dieser Zeit an scheinen sie den Entschluß gefaßt zu haben, sich nimmer wieder zu verlassen. Sie verglichen sich, ihre Schätze gemeinschaftlich anzulegen. Ohne Unterschied, und ohne Eifersucht herrschen sie nun beide zusammen über die vier Theile dieser unteren Welt, wo, wie es ein Haufen erlauchter Philosophen beweist, alles gut ist. Der Vergleich dieser beiden Schwestern

hat die Masse des allgemeinen Guten um ein Ansehnliches vermehrt; ob man gleich gestehen muß, daß einige einzelne Uibel daraus erwuchsen.

Diese zu mildern, ja zum Theile gar zu unterdrücken, scheint die Absicht gewesen zu sein, welche sich der Verfasser dieses Werkes durch dasselbe zu erreichen bestrebet hat. Wir glaubten wahrzunehmen, daß er hierzu eben so sichre, als leichte Mittel an die Hand gab; und man wird sich von der Sache sogleich gute Begriffe machen, sobald man wissen wird, der Verfasser sei der Herr Doktor Panglos, Feldprediger des Freiherrn von Donnerstrunkshausen, und Hofmeister des Kandide.

Seine Abentheuer sind Jedermann bekannt, aber Niemand weis Etwas von seinen Schriften. Man weis, daß er eben sowohl, als sein Zögling, auf den Befehl der heiligen Hermandad den Staupbesen bekam, und, was noch mehr ist, gehangen wurde. Seine Unglücksfälle sind, Dank sei es der Feder des berühmten Herrn Ralph, seines Mitbruders in der Metaphysik, zum Besitze der Unsterblichkeit gelangt; hingegen zweifelte man nicht, daß es ihm nicht am Kützel, oder an der Zeit gefehlet habe[2)], ein Autor zu werden; dennoch

ist dieß eine unläugbare Wahrheit; und hier theilen wir eine seiner Arbeiten mit, die uns würdig genug schien, die Aufmerksamkeit des Publikums auf sich zu heften.

Es hält schwer, ihren Zeitpunkt genau zu bestimmen; unterdessen ist es doch ziemlich wahrscheinlich, daß sie der Doktor damal verfaßte, als er sich bei dem Wiedertäufer Jakob aufhielt[3)]. ohne Zweifel wars diese heilsame Einsamkeit, wo Herr Panglos sichs zum Geschäfte, machte,

über die Ursache nachzudenken, von der er da die Wirkungen empfand. Voll von seinem Gegenstande, machte er sich das Vergnügen, die treffenden Bemerkungen, die ihm sein Zustand darboth, zu Papier zu setzen. Er kam dabei, wie man weis, um ein Aug, und um ein Ohr. Doch rettete er sein Manuskript, und dieses kostbare Stück Werk kam in der Folge unter allen dem Stürmen, die das Leben dieses großen Philosophen verfolgten, mit heiler Haut davon.