So lange die Krankheit nur in den Städten herumgieng, war diese Nachlässigkeit noch einiger Maaßen zu entschuldigen. Aufgeklärte Politiker konnten weniger davor erschrecken, so lange sie nur müssigen Güterbesitzern, oder unarbeitsamen Bürgern drohte. Vieleicht dürfte man sich noch itzt nicht sehr entrüsten, wenn sie sich inner die Mauern der Städte beschränkte, wenn sie sich begnügte, daselbst die Ausschweifungen einer herabgewürdigten Jugend, oder eines schwärmerischen Alters zu strafen. Sie griffe dann nur Menschen an, die dieses Namens nicht
werth sind, und dieß wäre für das menschliche Geschlecht ein kleiner Verlust.
Aber zum Unglücke bindet sie sich hieran nicht; und fällt sehr oft in die Dörfer hinaus. Da greift sie unsern armen Stamm unter dem Strohdach an, das doch noch etwas seinen Adel, und seine Kraft erhält. Sie findet keine Schwierigkeit, sich da niederzulassen. Die Unwissenheit, und vor allen die Armuth erleichtern die Gefälligkeiten, durch die sie sich fortpflanzt, und verbannen hiemit die Mittel, die sie unterdrücken könnten.
Die Zeit ist vorbei, wo man das Land als den Freiort der Unschuld, als die Zufluchtsstätte schuldloser Ergötzungen ansehn konnte. Mit Rechte lobten unsre alten Dichter seine Schönheiten, und Annehmlichkeiten; sie rühmten die Sicherheit der Wälder, die es umgeben; das Grün der Matten, die es
schmücken; die Klarheit der Gewässer, die es befeuchten, die Blüthe der Nymphen, die es verschönern. Die unsrigen sieht man so was nicht mehr thun.
Nicht, als ob wir nicht auch noch Wälder, Gewässer, Matten, und Nymphen hätten: aber bei uns ists keine Diana mehr, die in unsern Wäldern jaget; keine Venus mehr, die sich in unsern Bächen bespiegelt; keine Flora, die in ihrem Laufe auf dem Grase ausglitscht. Die Stelle dieser Göttinnen hat die Kakomonade eingenommen. Alles, was vormals diente, die Vergnügungen, zu umschleiern, und zu vergrößern, dient nun unter ihren Händen zu nichts mehr, als nur die Gelegenheiten zur Reue zu vermehren; und wenn noch ein kühner Faun es wagt, die Schäferinnen ins Gehölze zu verfolgen, so fühlt er sich bald mit einer ganz andern Wunde geschlagen, als wie sie Amors Pfeile schlugen.
Welche Macht könnte doch eine so traurige Metamorphose in Gegenden verursachen, die von dem Verderbnisse so entfernt sind? Wie kann da jenes der Schein der Tugend verhüllen, was anderswo nur die Folge der Ausgelassenheit ist? Wie geht es doch zu, daß oft die Simplizität selber denen gefährlich wird, die sich schmeicheln, sie zu mißbrauchen? Man kann hiervon drei sehr dunkle, aber sehr wirksame Ursachen angeben, welche die Hauptbeweggründe der Verwüstung sind, welche die Kakomonade auf dem Lande hervorbringt.
Die erste davon ist jene ungeheure Anzahl Kinder, die mit jedem Tage aus den großen Städten fortziehn, um sich auf viele Meilen in die Runde, auszubreiten. Sie begehren da von ihnen gemietheten Nährmüttern jenen Beistand, den ihnen die Eltern, von denen sie das Leben haben, versagen. Dieß ist oft ein Glück für sie. Sie würden
das Leben, das sie erst empfiengen, bald verlieren, wenn man sie nicht hurtig aus dem angepesteten Schoosse entfernte, in welchem sie es schöpften: aber dieses Glück wird sehr traurig für den mitleidigen Schooß derjenigen, die sich würdigen, sie zu sich aufzunehmen.
Für die Milch, die sie daraus saugen, strömen sie das Gift darein, vor dem sie ihre Unschuld nicht retten konnte. Mit diesem Augenblicke wird die eheliche Zärtlichkeit ein Netz, worinn der Gatte sehr bald sich fängt. Er wird zum Zeitvertreibe mit einer Seuche behaftet, die er nicht fürchten konnte, da sie für ihn mitten in den Armen der Weisheit, und der Fruchtbarkeit entsproß. Wenn sich die Merkmaale davon sehen lassen, so hält die Schamhaftigkeit öfters ihre Entdeckung zurück, und fast immer steht die Dürftigkeit der Abhilfe derselben im Wege. Die Nothwendigkeit einer mühsamen