Die Spanier sollten mit dem Namen und der Sache besser bekannt seyn; indessen weichen sie dem Begriffe

davon so viel möglich aus. Sie bezeichnen sie mit dem feinen Ausdrucke purgacion. Wenn man daher jenseits der Pyrenäen spricht: el señor marqués, el señor conde, el señor duque tiene las purgaciones, so will dieß nicht sagen, daß diese Herrn Arzneien eingenommen, sondern daß sie ihrer sehr nöthig haben. Diese kleine Untreuheit ist doch verzeihlicher, als jene, deren man sich im Lande des Vesuvs bedient.

Uibrigens ist diese abgeschmackte Kleingeistigkeit nicht bei allen Völkern die Folge eines vagen Vorurtheils, wovon man nie versuchet hätte, einen Grund anzugeben. Große Schriftsteller haben sich bemühet, sie zu heben,

und sogar zu rechtfertigen. Unter andern kann man hierüber den berühmten Herrn Abbé Desfontaines in seinem ein und sechzigsten Briefe seiner Beobachtungen über die Schriften unsrer Zeit anführen.

Der Herr Abbé untersucht sehr sorgfältig, und mit all dem kritischen Geiste, den er besaß, worinn die sogenannte Keuschheit unsrer heut zu tägigen Sprachen ihren Grund habe. „Das Christenthum, und die Moral der Europäer,“ sagt er, „machen sie so gewissenhaft in ihren Worten, da im Gegentheile das Griechische und Latein, welches von heidnischen Völkern gesprochen wurde, weit freier ist.“

Wir bitten den Herrn Abbé um Vergebung; allein wir sind nicht seiner Meinung; und was noch mehr ist, wir haben so gar sehr gute Gründe, es nicht zu seyn.

Der erste ist das Ansehn des Herrn Panglos, der sich ganz öffentlich für die entgegengesetzte Meinung erklärt, wie man in der Sammlung seiner Werke sehn wird, wenn man anders jemal das Fragment, von dem wir sprachen, darinnen mit heraus giebt. Der zweite Grund ist der, daß die Moral der Heiden nicht lockerer war, als die unsrige. Die wahren Begriffe von Schande, und Ehre findet man eben sowohl in ihren guten Schriften, als in unsern Kasuisten

entwickelt. Uiberdieß haben die Moral und Religion nur auf unsre Handlungen Einfluß. Es ist ausgemacht, daß die Sprache nicht ihr Gegenstand ist, oder daß sie wenigstens sehr wenig darauf achten. Gott selbst hat, wie bekannt, sich gewürdigt, die hebräische Sprache anzunehmen; und dennoch ist diese unter allen Sprachen die unfläthigste, will sagen, die einfacheste in ihren Begriffen, und die nachdrücklichste in ihren Ausdrücken.

Der Journalist denkt nicht, daß die Väter der beiden Kirchen Eingebungen vom heiligen Geiste hatten, und wenigstens eben so gut, als wir, in der christlichen Moral unterrichtet

wurden. Indessen erlaubten sie sich doch, Zergliederungen zu machen, denen das Geschraubte unserer Sprache bei einer Uibersetzung den Schein einer Unlauterkeit giebt, da sie doch an sich selbst nichts mehr, als natürlich, sind. Die Tugend zeigt sich in ihren Schriften manchmal mit einer Rüstung, wovor in den unsrigen das Laster erröthen würde. Sollten sich die Bürger in Paris, die sich in Kupfer stechen lassen, darum getrauen, zu glauben, über diese großen Männer erhaben zu sein?