Als er sich soweit erholt hatte, um seine Lage zu überdenken, mußte er zugeben, daß sie nahezu verzweifelt war. So weit er auch nach den Seiten und nach oben die Klippen abfühlte, fand er keine Zacke und keinen Griff, mit Hülfe deren er hoffen konnte, die Spitze des Felsens zu erklettern. Wie lange sein rachsüchtiger Feind die Belagerung fortsetzen würde, konnte er nicht beurteilen. Aber wenn er bedachte, wieviel Leid er ihm zugefügt hatte, wie sachlich seine Art der Belagerung war und wie furchtbar die Wut seines Angriffs, hatte er wenig Anlaß, zu hoffen, daß er seinen Posten bald verlassen würde. Er wußte, daß die Orca in diesen belebten Wassern reichliche Nahrung finden würde. Aber so reich dies Meer auch an tierreichem Leben war, wußte er doch, daß ein Schiff hier nur selten auftauchen würde. Die Küstenschooner mußten hier einen weiten Bogen machen, der unsichtbaren Riffe und unterirdischer Strömungen wegen. Seine Insel war sicher nur eine halbe Meile weit vom Strand, unter gewöhnlichen Umständen für ihn eine leichte Schwimmübung. Aber selbst wenn der Belagerer ihn verließ, hatte er keinen Schutz gegen die Gier der riesigen Haie, die in diesen Insel-Kanälen ihr Wesen trieben. Er war der vollen Glut der Sonne ausgesetzt – der Felsen fühlte sich unter seinen Händen schmerzhaft heiß an – und so fragte er sich, wie lange es dauern würde … Bald würden seine Beine unter dem Gewicht des Körpers einknicken, er würde vorwärts torkeln, direkt in den Rachen seines lauernden Feindes. Dann beruhigte er sich über diese Gefahr, denn er bemerkte plötzlich, daß die Sonne bald hinter seinem Riff verschwinden und ihn im Schatten lassen würde. Was die Hitze anbetraf, konnte er es also bis zum nächsten Morgen ruhig aushalten. Aber dann? Blieb das Wetter schön, wie sollte er dann die unerträglich lange Glut des Vormittags überstehen, ehe die Sonne zum zweiten Mal hinter der Klippe verschwand? Er begann, um Sturm und undurchdringlichen Nebel zu beten. Aber dabei hielt er plötzlich inne, es wurde ihm bewußt, in welcher Klemme er war. Kam ein Sturm, dann war zu dieser Jahreszeit anzunehmen, daß es ein Südost war; in diesem Falle würden die ersten brandenden Seen ihn von seinem Sitz herunterwaschen. So beschloß er endlich, sein Gebet ganz allgemein zu halten und der Vorsehung keine zweifelhaften Ratschläge zu geben.

Unwillkürlich kramte er in seiner Tasche herum, zog ein Paket durchnäßten, triefenden Tabaks nebst einer Büchse nasser Streichhölzer hervor. Unter den Streichhölzern waren ein Paar Wachszünder, und er hatte eine dürftige Hoffnung, daß er sie nur sorgfältig zu trocknen brauchte, um vielleicht einen Funken zu schlagen. Er breitete sie mit dem Tabak auf den heißen Stein zwischen seinen Füßen. Seine Pfeife hatte er bei der Katastrophe verloren, aber in seiner Tasche fanden sich Briefe, und mit diesen, die er gleichfalls trocknen wollte, konnte er sich vielleicht Zigaretten drehen. Das Unternehmen gab ihm etwas zu tun und half ihn so über den endlosen Nachmittag hinweg. Zuletzt aber mußte er feststellen, daß keins der Wachshölzer ihm einen Funken geben würde. Aergerlich warf er die nutzlosen Ueberbleibsel in's Meer.

Ganz unerwartet kam die Nacht, wie immer in diesen Breiten, und das Mondlicht verzauberte die langen Wellen in leuchtendes Glas. Die ganze Nacht über schwamm die Orca vor dem Felsen auf und ab, bis die Eintönigkeit ihrer Bewegung den Gefangenen hypnotisierte, daß er seine Augen gegen die Felsspitze richten mußte, um dieser Hypnose zu entgehen. Seine tötliche Angst war, er könnte in seiner Schwäche einschlafen und aus der Grotte herausfallen. Die Beine wurden ihm schwer, aber in der Nische war kein Raum, sich niederzusetzen, oder auch nur einigermaßen bequem zu kauern. In seiner Verzweiflung entschloß er sich endlich, seine Beine über den Felsen herunterbaumeln zu lassen, wo die Feindin sie freilich erschnappen konnte, wenn sie wieder einen ihrer wilden Luftsprünge wagte. Sobald er sich bewegte, schwamm sie näher und starrte ihn mit unverändertem Haß an. Aber sie versuchte nicht, ihren Luftangriff zu wiederholen. Gardner nahm an, daß sie zu einem zweiten Zusammenprall mit dem Felsen keine Lust hatte.

Endlich erschöpfte sich diese endlose Nacht. Der Mond war schon lange hinter der Klippe verschwunden, der samtne Purpur des Nebels wurde dünn, die Sterne erblaßten. Dann erwachte der unendliche Glanz eines wolkenlosen tropischen Morgens über der See, die schimmernde Fläche des Wassers schien sich der Sonne entgegenzuwerfen. Gardner riß seine letzte Kraft zusammen, um die Feuerprobe zu bestehen, die jetzt auf ihn wartete.

Um sich auf diese Feuerprobe vorzubereiten, zog er seinen leichten Rock aus und heftete daran ein Stück Bindfaden, das sich in seinen Taschen fand. Dann warf er den Rock hinab und tauchte ihn tief in's Wasser. Die Orca schnellte vor, um zu sehen, was er tat, aber er zog den triefenden Rock wieder empor, ehe sie ihn schnappen konnte. Dieser Einfall war beinahe eine Offenbarung, denn indem er seinen Kopf und Körper feucht hielt, hätte er der Hitze länger trotzen können und vielleicht auch die äußersten Qualen des Durstes mildern.

Ein gütiges Schicksal hatte es jedoch gewollt, daß seine Prüfung bald zu Ende ging. Es war vielleicht 9 Uhr morgens, da klang irgendwo hinter der Insel ein gleichmäßiges, gedämpftes Tschug, Tschug, Tschug, Tschug, für Gardners Ohren die göttlichste aller Melodien. Im Augenblick hatte er sein weißes Hemd über den Kopf gezogen und hielt es in zitternden Händen. Ein Augenblick verging und es kam eine mächtige vierzig Fuß lange Motorbarke in Sicht. Sie war kaum hundertfünfzig Meter weit fort und machte gewaltigen Lärm, aber Gardner schrie wie ein Wilder und schwenkte sein Hemd in die Luft, bis es ihm glückte, ihre Aufmerksamkeit zu erregen. Sie nahm die Richtung auf seinen Felsen, aber gleich darauf setzte der Motor aus und die Barke schwenkte wieder zur Seite. Der Führer hatte gesehen, daß Gardner belagert war.

Es waren drei Mann in der Barke. Einer rief den Gefangenen an.

»Was gibt's?« fragte er kurz.

»Ich habe gestern dem Biest sein Kalb geschossen!« rief Gardner zurück. »Es hat mein Boot zerschlagen und mich auf diesen Felsen gejagt.«

Einen Augenblick war Schweigen in der Barke. Dann sagte der Kapitän: »Wenn einer was erleben will, braucht er sich nur mit einem Mordwal einzulassen.«