»Sehen der Herr nur!« schrie Hanne. »Er würde uns fressen, wenn er nur könnte, er ist so wild!«

»Er ist wirklich ein richtiger kleiner Teufel!« sagte der Mann, nahm Puck behutsam in seine handschuhbekleideten Hände und trug ihn zum Fenster.

Puck war jetzt hellwach, und sein Uhrwerk-Schnarren empörte sich schrill gegen die Gefangenschaft in Händen eines Menschen. Am Fenster ließ der Mann ihn los. Der Glanz des vollen Tages verwirrte Puck. Aber indem er die Augen zu einem kaum haarbreiten Spalt schloß, konnte er die Landschaft doch einigermaßen erkennen. Im Augenblick hatte er sich in die Luft geworfen, und im nächsten schon flatterte er in den nahen Aesten. Er nahm seinen Weg, so dicht wie möglich in den Bäumen, zum Flußufer, und von da ging's über die Wiesen zur alten Scheuer! Ein paar Minuten später hängte er sich unverzagt neben seine schlafenden Kameraden in den warmen, braunen Schatten des Giebels.

Unter gewöhnlichen Umständen hätte Puck sich jetzt niedergelassen, um den Rest des hellen Tages zu verschlafen. Aber es war Bestimmung, daß diese vierundzwanzig Stunden eine besonders ereignisreiche Zeit für ihn werden sollten. An einem schmalen, wagerechten Dachsparren, nur ein paar Fuß unter sich, bemerkte er seine Spielgefährtin vom letzten Abend, die kleine Mutter mit ihren beiden Jungen. Sie hatte ihren Nachwuchs an der glatten Oberfläche des Sparrens verwahrt, während sie selbst mit ihrem Putz beschäftigt war – eine Angelegenheit, die für die Fledermaus so wichtig ist wie für die eitelste Katze. Mit erstaunlicher Gewandtheit kratzte sie sich mit den Hornspitzen ihrer Flügelarme hinter den Ohren, kämmte sich den Pelz an Stellen des Körpers, die unerreichbar schienen. Dann machte sie sich an die Haut der Flügel, nahm erst den einen, dann den andern vor, streckte und prüfte sie, zog sie durch die Lippen und beleckte die ganze Fläche, bis über ihre Makellosigkeit kein Zweifel mehr bestehen konnte.

Während die kleine Mutter so beschäftigt war, schwirrte aus den schmutzigen Nestern unter der Dachtraufe eine Schwalbe hastig in den Giebel empor, um eine große Wespe zu jagen. Der verzweifelte Käfer war seiner Verfolgerin im Giebeldach entgangen, und jetzt stürzte er sich gerade über der Dachsparre in die Tiefe, so daß er die Fledermaus-Babys im Flug berührte. Die Schwalbe schoß ihm rücksichtslos nach, und diesmal blieb es nicht bei einer streifenden Berührung der kleinen Krabbler. Die Schwalbe traf sie so rauh, daß beide glatt von dem Sparren abgerissen wurden. Obgleich sie Fliegen noch nicht gelernt hatten, spreiteten sie zwar instinktiv ihre zerbrechlichen Flügel, aber sie fielen doch mit Geflatter wie zwei abgestorbene Eichblätter herunter auf den Boden. Glücklicherweise war der Boden der Scheune mit Spreu und Halmen und allen Spuren der letzten Heuernte dicht bedeckt, so daß die Säuglinge sanft landeten und nicht verletzt wurden. Aber sie landeten weit voneinander, wie zwei wirbelnde Blätter es getan hätten. Die Mutter, die gerade, als das Unheil passierte, dicht in die Falten ihrer Flügel eingewickelt war, machte sich schleunigst los und eilte ihren Kleinen nach. Dann kam ihr Puck, den seine letzten Abenteuer unternehmungslustig gemacht hatten, im Zick-Zack nach, um zu sehen, was er für sie tun könnte.

Er fand Beschäftigung, und das sofort! Die große Ratte, die unter der Diele der Scheuer wohnte, kam gerade aus ihrem Loch. Es war ihr, als ob irgend etwas gefallen war, und obwohl sie nicht recht wußte, was es war, kam sie eilig und in großen Erwartungen angeschossen. Sie vermutete eine junge Schwalbe, die aus dem Nest gefallen oder geworfen war, und junge Schwalben liebte sie der Abwechslung halber.

Die Neugier der Ratte wurde durch einen leichten Schlag auf ihren Kopf abgelenkt. Eine Fledermaus war ihr scheinbar direkt auf den Rücken gefallen. Die Ratte wurde nicht ärgerlich, im Gegenteil, sie war ungeheuer interessiert. Noch nie hatte sie eine Fledermaus gegessen, aber schon oft Lust dazu gehabt. Und ihr bot sich unzweifelhaft eine Gelegenheit, denn diese Fledermaus schien krank oder verwundet. So sprang die Ratte auf die neue Beute. Sie sprang falsch, zweifellos, aber doch nur um Fingersbreite, und die jämmerlich matte Fledermaus flatterte noch immer in Reichweite. Wieder und wieder sprang die Ratte an, ihre langen, weißen Zähne schnappten mit furchtbarem Laut zusammen, aber sie fingen nichts, bis sie sich auf einmal wieder vor dem Loch am Winkel fand, aus dem sie gerade aufgetaucht war. Dann schwang sich zu ihrem Mißvergnügen die armselig flatternde Gestalt, die doch schon fast in ihren Zähnen gewesen war, mit starken Flügelzügen doch empor. Und zugleich stieß eine andere Fledermaus schwirrend aus der Mitte der Diele auf, mit zwei Jungen, die in ihrem Genick saßen. Enttäuscht und beschämt machte sich die Ratte hinaus in die Wiesen, um sich mit einem Paar gemütlichen Grashüpfern zu trösten. Puck, der Düstere, aber schwang sich, von Triumph geschwellt, auf seinen hohen Sitz zurück. Nach dem, was er mit Eulen, Wieseln, Faltern und Menschen und Ratten erlebt hatte, fühlte er seine gewöhnliche Schläfrigkeit nicht. So machte er sich an seinen Putz, den er so eifrig und peinlich besorgte, wie es einer braunen Fledermaus von seiner Tüchtigkeit ansteht.