Nicht mehr als fünf Minuten lang waren sie fort, als es der kleinen Mutter plötzlich wie mit einem Schlage durchs Herz fuhr: die Kinder brauchten sie! Im schwirrenden Bogen eilte sie zur Fichte zurück, und nach ganz kurzer Ueberlegung folgte Puck ihr auf den zierlichen Fersen.

Nun war es geschehen, daß ein Wiesel-Vater, die grausamen Augen rot von Gier und Blutdurst, den Fichtenstamm entlang wanderte. Er hatte gerade die Spur eines Eichhörnchens verloren, dem er so nahe gekommen war, daß er es fast schon sein Eigentum genannt. In Gedanken hatte er gerade dem armen Schächer seine Zähne durch die Gurgel gejagt, als wie durch ein Wunder der Nacht – und für die Geschöpfe der Wildnis ist die Nacht voll von Wundern – Wild und Spur verschwanden. Im Fichtenbaum hatte sich das ereignet, und jetzt suchte der furchtbare Jäger den ganzen Baum nach der verlorenen Witterung ab, fest entschlossen, seine bösen Absichten nicht vereiteln zu lassen. Auf dieser Suche kam er auch, geschmeidig und schnell wie eine Schlange, den hohen Ast entlang, auf dessen äußerster Gabel die kleine Fledermaus ihre Babys gelassen hatte.

Puck, der Düstere, hatte während seines kurzen Lebens niemals eine ernstliche Meinungsverschiedenheit mit größeren Geschöpfen als etwa einem Nachtfalter oder einem Maikäfer gehabt. Welch ein unbekämpfbares und schreckliches Ungeheuer dieser lange, dunkle Schatten auf dem Ast war, ahnte er vielleicht, aber er zögerte nicht! Das Wiesel erschrak, als ihm plötzlich ein harter Flügelhieb quer übers Gesicht fegte. Mit bösem Knurren bäumte es auf und schnappte nach dem kühnen Angreifer. Aber seine langen, weißen Zähne griffen nur leere Luft, und beinahe verlor er das Gleichgewicht auf dem Ast. Als es sich erholt hatte, die Seele voll Wut, sah es hinter sich, beinahe in Reichweite, einen dunklen, kleinen, flatternden Schatten, der wie eine verwundete Katze am Baum hinkroch. Geschmeidig wie ein Aal, schnell wie der Blitz, fuhr es auf den kecken kleinen Schatten los. Aber der war verschwunden! Und ein paar Fuß unterhalb des Astes sah das Wiesel Puck, den Düsteren, gemächlich auf und nieder schweben. Des Wiesels eng zusammensitzende Augen glühten wie Kohlen, und bei dem Gedanken, von einer armseligen Fledermaus hereingelegt zu sein, fletschte es die langen, weißen Zähne. Aber während es sich mit der Herausforderung Pucks wütend beschäftigte, hatte die kleine Mutter ihre süßen Babys wieder sicher ins Genick genommen und segelte mit ihnen durch den Abend. Aber nach einem solchen Erlebnis hatte sie genug von Spiel und Tänzen. Sie dachte nur daran, ihre Kinder in das sichere Versteck des Scheunengiebels zurückzubringen, sie dort zu säugen, ihre seidenen Pelze zu lecken und die süßen kleinen Schwingen mit ihren Lippen sorglich zu reinigen.

Puck, der Düstere, war jetzt allein gelassen und dachte, vielleicht erregt und übermütig durch sein erfolgreiches Abenteuer mit dem Wiesel, an neue, tolle Unternehmungen. Ganz nahe dem Gartenhaus jagte er einen großen Falter, der mit unglaublicher Geschwindigkeit flog. Hart bedrängt, rettete er sich in die Dunkelheit eines weit offenen Fensters. Puck folgte ihm unbedenklich und erwischte den Flüchtling, als er gegen die Decke des Zimmers stieß. In diesem Augenblick schloß ein Dienstmädchen das Fenster. Dann ging sie hinaus, ohne den Eindringling zu bemerken, und verriegelte das Tor.

Puck glaubte, man könne den Raum so leicht verlassen wie man hineinkam und stieß im Flug hart gegen die blaß schimmernde Fensterscheibe. Er war ein wenig betäubt und sehr erstaunt. Wieder und dann noch einmal versuchte er, die harte, unsichtbare Barrière zu überwinden, aber nicht blindlings oder in verzagter Heftigkeit, wie ein Vogel es getan hätte. Selbst in dieser unerwarteten und gefährlichen Lage behielt er den Kopf klar. Als die erste Ueberraschung verwunden, fing er an, das Glas von dem Luftraum draußen zu unterscheiden, und dann gab er mit Gleichmut auf, Unmögliches zu ertrotzen. Zuerst widmete er sich der genauesten Untersuchung jeder Ecke und jedes Verstecks im Zimmer. Aber obwohl der Raum voll von zerbrechlichem Tand und zierlichen Nippes war, sah und flog er so vorsichtig, daß seine Flügel nicht den kleinsten Schaden anrichteten. Er kam unter jedes Stück Möbel, hinter jedes Bild und untersuchte aufs gründlichste den Wandschirm, der während des Sommers den Ofen verbarg. Bei diesen Entdeckungsreisen stöberte er eine ganz unerwartet reiche Auswahl von Insekten auf, und seine Angst war keineswegs so groß, daß er nicht alle Leckerbissen dankbar verzehrt hätte, die der Zufall ihm brachte.

So verging die Nacht mit dem Gefühl einer gewissen Unsicherheit, aber nicht gerade langweilig. Als die Dämmerung grau durchs Fenster kam und die Geranien sich glühend färbten, gab Puck, keineswegs in Verzweiflung, sein vergebliches Mühen auf. Tagesanbruch war für ihn der Moment, schlafen zu gehen. So hing er sich bequem in eine Falte des großen Vorhangs in einer Ecke des Zimmers und bettete sich mit philosophischer Ruhe, als wäre er in seiner Scheuer unter seinem gewohnten Dach.

Ein paar Stunden später kamen zwei Dienstmädchen ins Zimmer und fingen an, aufzuräumen. Im Verlauf dieser Tätigkeit nahmen sie die Vorhänge ab. Sie schüttelten sie tüchtig, um sie später zusammenzulegen. Zu ihrem Entsetzen fiel Puck, der Düstere, heraus.

Beim Anblick dieses gut vier Zoll langen Ungeheuers schrien sie so entsetzlich, daß der Mann herbeieilte, der abends mit seinem Mädchen im Garten spaziert war. Er trug Reithosen und Handschuhe. Puck, der nur halbwach und sehr ärgerlich über die rauhe Berührung war, richtete sich auf dem Vorhang mit halb gespreiteten Flügeln und funkelnden, winzigen Jett-Augen auf. Der Ausdruck seiner Meinung über die Dienstmädchen wurde so heftig, wie möglich, und klang etwa wie das Räderdrehen einer besonders großen und besonders schlecht geölten billigen Taschenuhr.

»Großer Gott, Hanne,« rief der Herr, »ich dachte, Sie und Liese hätten mindestens ein Rhinozeros aufgestört, solchen Lärm schlagt ihr! Glaubt ihr, die arme, kleine Fledermaus will euch fressen?«

Er bückte sich, um Puck aufzunehmen. Aber der kleine, barsche Kerl schnarrte ihn an und schnappte so heftig nach ihm, daß der Mann froh war, dicke Handschuhe zu tragen. Die Mädchen zitterten.