Als der Winterabend in kaltem Lavendelrot, in Bernsteingelb und Lila über den leblosen Einsamkeiten hinschwand, entdeckte Melissa die Gestalt eines Menschen, die vor ihr her durch den Schnee humpelte. Es war ein Mann; ein Mann, der nicht mehr weiterkonnte. Erschöpfung sprach aus den schwer niederhängenden Schultern und der Mühsal seiner kämpfenden Schritte. Melissas Mitleid ließ sie alles andere vergessen. Der Mann gab kein Zeichen, daß er ihr Näherkommen bemerkte, bis sie ihn eingeholt hatte. Dann rief sie ihm zu:
»Steigen Sie ein und kommen Sie mit! Sie sind müde, das sieht man.«
Beim Klang ihrer Stimme drehte der Mann den Kopf; als sie sein Gesicht sah, zuckte durch Melissas Herz eine plötzliche Angst. Irgend etwas Schreckliches, das sie nicht verstand, lag in seinem Blick. Aber sie wollte tapfer sein und so zwang sie sich, nur das eine zu sehen: daß sein Gesicht hager und elend war, die Augen vor Müdigkeit in ihre Höhlen gesunken. Der Mann gab keine Antwort, faßte nur mit verzweifeltem Griff den Rand des Pungs und zog sich halb hinein, halb plumpste er auf die Planken. So lag er plötzlich zu Melissas Füßen. Melissa warf ihm ein paar ihrer Decken über, dann kutschierte sie los, beklommen, aber in dem Bewußtsein, daß sie das einzig Richtige getan hatte.
Vielleicht eine halbe Stunde später fing der Mond an, seine langen, schwarzen Schatten über den weißen Weg zu werfen. Da zog sich der Mann plötzlich empor, preßte sich auf den Sitz neben Melissa und strich sich die klebrigen Haarsträhnen aus Augen und Stirn. Dann spähte er um sich und vorwärts, als suche er einen Wegweiser und kümmerte sich zunächst um Melissa nicht mehr, als er sich um eine Holzpuppe gekümmert hätte. Dann aber wandte er sich mit einer Plötzlichkeit, vor der ihr Herz bebte, zu ihr und herrschte sie an:
»Hast Schnaps?«
Sie konnte zuerst nicht antworten, aus Angst, daß die Stimme ihr zitterte. Endlich sagte sie höflich:
»Ich hätte Ihnen längst etwas anbieten sollen, weil Sie so furchtbar erschöpft sind. Nein, Schnaps habe ich nicht! Ich bin doch ein Mädchen!«
Sie stellte sich lustig und lachte.
»Aber ich habe eine Flasche Kaffee, die einmal heiß war. Und ein paar schöne, große Butterbrote.«