»Mir scheint, wir müssen dich gehen lassen, du warst immer groß darin, deinen eigenen Weg zu suchen.«

»Gut!« rief Bird, der gleichmäßig fürchtete, Melissa könnte den Weg allein machen, oder sie könnte ihn mit Jimmy Wright allein machen. »Kann nur sagen, wenn ich frei wäre, würd ich's nicht so leicht aufgeben, Jimmy. Allein kann sie nicht fahren. Ich habe Lust, den ganzen Weihnachtszauber aufzugeben und selbst mit ihr zu fahren.«

Melissa war dicht dran, ihm eine deutliche Antwort zu geben. Aber dann änderte sie ihren Sinn.

»Natürlich würdest du alles aufgeben, Walter,« sagte sie liebenswürdig, »wenn ich dich wirklich brauchte. Aber ich lasse nicht zu, daß deine Mutter Weihnachten allein ist. Jetzt ist genug Unsinn über all das gesprochen worden. Ihr seht, außer meinen Kleidern hab' ich in Frederikton nichts verändert. Bin dasselbe Hinterwaldmädel wie immer!«

II.

Es war fast ein Uhr nachmittags, als Melissa im alten roten Pung mit Parkers kräftigem Grauen von Blechkessel aufbrach. Es war beißend kalt, aber klar und ruhig, und obwohl man gewarnt hatte, sie würde auf den verwehten Straßen stecken bleiben, hatte sie keine Angst.

Der Mond mußte bald nach Sonnenuntergang erscheinen, so daß Dunkelheit ihre Reise nicht störte. Um welche Zeit sie ankam, war ihr gleichgültig, denn ihr einziger Gedanke war eben der: anzukommen! Ein paar heiße Ziegelsteine auf dem Boden des Schlittens, zwei Paar wollene Strümpfe und biegsame Mokassins aus Renntiermoos hielten sie warm. In ihrem Koffer und ihren Paketen steckten viel interessante Dinge für Vater, Mutter und Meg, das kranke Schwesterchen, das bald ein Jahr im Bett zubrachte. Melissa sehnte sich nach Megs müden, grauen Augen und dem sehnsüchtigen Lächeln auf ihrem blassen, kleinen Gesicht.

Unter so lieben Heimaterwartungen vergingen Melissa die ersten fünf Meilen ihrer Reise wie ein Gedanke, obwohl der Weg wirklich so schwierig war, daß diese fünf Meilen anderthalb Stunden des kurzen Winternachmittags gekostet hatten. Eigentlich war die Straße gar nicht zu erkennen, hätten nicht da und dort ein Schlitten, ein Pung oder eine Lastfuhre mit Holz Spuren gezogen.

Aber wo die Straße sich, fünf Meilen vor dem Dorf, mit einem andern Weg kreuzte, verschwanden die Spuren ganz. Melissa mußte sich aus ihren Träumen reißen. Sie kutschierte sorgfältig und wachsam, gab manchmal dem frommen Gaul den Kopf frei, nahm ihn dann wieder fest in die Zügel, wenn es durch eine Schneewehe ging, die nicht zu umfahren war. Trotzdem kam sie so langsam vom Fleck und hatte sich so sehr anzustrengen, daß sie bald hungrig wurde und sich auf ein Paket Butterbrote freute, das man ihr in den Schlitten gelegt hatte. Es würde tiefe Nacht werden, ehe sie County-Line erreichte. Melissa verstand gut, wie man ein Pferd lenkt und bei Kraft erhält. Von Zeit zu Zeit hielt sie an und machte eine Atempause. Einmal, als der Gaul in Schweiß geraten war, sprang sie aus dem Schlitten, frottierte ihn und ließ ihn zehn Minuten lang ruhen. All die unerwartete Mühe jedoch steigerte nur ihren herzlichen Eifer.