Neu sei es erworben,

Und allen lieben Toten in der Erde

In uns heut Auferstehung werde —

„Was ist das für ein Lied?“ fragte er.

„Es ist kein Lied, man sagt doch manchmal, was einem gerade einfällt, vor sich hin. Das hat man doch oft, man hört irgendwo etwas, in der Luft, im Wald, man sagt es dann. Denk doch nur, was der Wind alles hört, was er alles mitnimmt von Lippen, die flüstern, oder lachen, oder weinen. Und wenn er dann an unsern Ohren vorbeikommt, fangen sie irgendeinen Ton auf, wie eine Melodie von Worten, und dann muß man es sagen. Hörst du denn nie auf den Wind? Du — komm doch — komm doch zu mir, Käsperlein Mühlfund, weißt du noch, wie es damals war in ferner Zeit? Der Wind ist dein Pate gewesen hier oben — der Wind hatte dich lieb — o, der erzählt mir hier wunderschöne Sachen von dir, wie du klein warst und ganz winzig jung. Bist solange in der Welt herumgelaufen und hast einen schwarzen Bart gekriegt und ganz messertiefe Striche um den Mund. Warte nur, die nimmt dir der Wind im weimarischen Land wieder fort, bis du wieder ein kleines Käsperlein bist, das so schön lachen kann. Ich weiß schon, wie du bist, der Wind hat mir alles verraten. Er geht ja nur ganz leise, die alte, schwere Windmühle streichelt er bloß, aber weil sie so alt und dumm ist, merkt sie es gar nicht.“

Der Mann saß neben dem Kind, und er hielt ihre Hand, und sie ließ sie ihm. Er fragte mit der scheuen Neugier eines Menschen, der es ganz entwöhnt war, daß jemand mit Zärtlichkeit seinem Leben nachspürt: „Leonore, was sagt dir der Wind von mir?“

Sie lächelte sanft, weich und antwortete langsam: „Er sagt mir, daß da ein kleines Büblein war, ein braunes, kleines Jungchen, das ist in die Welt gekommen und wußte nicht woher. Oft lag es draußen und dachte, andere kleine Käsperlein die haben Brüder und Schwestern, und ich bin so allein. Aber immer, wenn es traurige Sachen denken wollte, dann ist der Wind gekommen, der frohe, warme Sommerwind, und hat ihn eingeschläfert, und die Blumen haben dazu genickt, die haben Ja und Amen dazu gesagt und ihn von schönen Gärten träumen lassen, in denen ein kleines Hündlein auf ihn zusprang, das hatte das allerschönste Fell und bellte so freundlich; das hieß: Ich bin dein Hündlein und gehöre dir! Später, als der Kaspar schon größer war, da hat ihm der Wind erzählt, daß er ein Freigeborner ist, einer, den nichts bindet, nichts hält, nichts verpflichtet, einer, der rechtlos ist und darum sich alles rauben darf; einer, dem nichts gehört oder die ganze Welt — ein Freier, ein Selbstgewordener, nach dem niemand fragt und der kein lastendes Erinnern zu tragen hat, einer, für den die Welt neu geschaffen wurde.“

Das halb verlegene, halb glückliche Lächeln auf Freyers Gesicht verschwand. Die scharfen Striche um den Mund traten schärfer hervor. „Ich habe meine Kompromisse mit der Welt gemacht!“

„O, das war eine andere Welt als die, über die der Wind, dein Pate, geht. Die ist ganz versunken und verloren, die ist böse, und die lassen wir nicht in uns neu werden. Die tun wir fort — hörst du mich, das ist alles vorüber, Richard.“

Sie beugte sich über ihn, der im Grase lag. „Quält dich noch etwas, das fern ist? Quält es dich? Dann wollen wir es dem Wind erzählen, und der trägt es weit fort, zu seinem Ursprung zurück — und alles ist vergangen und beendet.“