„Ja, nun müssen wir eben abwarten.“
Was sie von dem Onkel erwarteten, ahnten sie nicht recht. Jedenfalls aber eine Tat. Über seine erste verloren sie kein Wort. Nur war es ausgemacht, bis die Erwiderung des Onkels eintraf, mußte man dafür sorgen, daß kein Gerücht ins Haus kam. Frau Zeine schwor, die einzige Mitwisserin „seiner Milda“ zu sein — und „seine Milda farchte den Vater wie das Feier“.
Leonore wich und wankte nicht aus dem Zimmer. Sie hatte eine alte Nähdecke hervorgezogen. Gut, da saß Leonore und nähte. Die Großmutter, Charlottchen, die Cousine, sie durfte man als geborgen vor gräßlichen Mitteilungen erachten. Der Großvater ging wohl einmal in den Wald; aber da war keine Sorge. Dem Oberförster nahte sich keine Zeine, keine Milda, kein Ungefragter. Klemens besorgte den Außendienst, den er sehr wichtig nahm, obwohl man nicht recht klar wußte, worin er bestand. Wenn um fünf Uhr nachmittags Leonore zur Posthilfsstelle ging, die Sachen abzuholen, fand er sich ein und wich und wankte nicht.
Es war ja schlimm, aber Opfer mußten gebracht werden. Leonore und Klemens konnten nicht mehr des Abends in das Mauergärtlein und von herrlichen Zukünften reden. Dafür ging jetzt Dankmar zur Zeit der Dämmerung mit der Cousine Clemence ins Freie. Wunderlich blieb es, daß er seine Freunde nie fragte, warum sie nicht mitkämen.
Tage voll der äußersten Spannung vergingen. Leonore befand sich zu jeder Poststunde im Posthause bei dem ehemaligen „Freund“ Arno Heyne und wartete der Dinge, die dem Postsack entsteigen sollten.
Indessen kam nie ein Brief, der den Verwandten die Achtung vor dem Onkel wiedergab, sondern eines Sommertages ging Milda Wolgezogen, umgeben von Linda und Lydia, geführt von Herrn Wolgezogen über die Flur hin nach Kötschau — nach Groß-Schwabhausen.
„Sie macht nach Leipzig in eine feine Stelle. Der Herr Onkel hat sie ihr verschafft. Achtzig Dahler — joe, da muß ma zugreifen, sprech’ ich,“ sagte Herr Wolgezogen.
Milda schwieg und sah an Leonore vorüber.
Eine solche Lösung war in jedem Sinne unbefriedigend. Leonore dachte an ein zweites Schreiben. Doch fand Klemens, bei aller Humanität könne man Milda nicht gänzlich freisprechen. Immerhin, sozusagen, wäre es Milda möglich gewesen, dieser Sache zu entgehen. Selbstverständlich — den Onkel würde man nur mehr Sie nennen und Herr Warren, und überhaupt aus seiner Mißachtung kein Hehl machen. Hoffentlich aber sah man ihn in diesem Erdendasein nicht wieder.
Wenn die Tragödie der Milda Wolgezogen einen in jedem Sinn unbefriedigenden Ausgang genommen hatte, so traten jetzt in Kapellendorf Zustände ein, welche die Lust an Tragödien gänzlich zu befriedigen imstande waren. Es erschien eines Tages ein Mann namens Demetrius Schrutz, ein man konnte sagen in jeder Beziehung wohlgebildeter Mann, der das Kätchen von Heilbronn für die moderne Bühne bearbeitet hatte und auf vielen Bänden als Verfasser stand.