Wenn Leonore und ihre Freunde vielleicht geglaubt hatten, daß Verfasser von so viel Büchern herrlich und in Freuden lebten, so entriß sie Demetrius Schrutz diesem Wahne. Denn Demetrius Schrutz hatte eine Gefolgschaft von sehr ärmlichen Personen und gedachte mit diesen in Kapellendorf ohne Rücksicht auf den nahen Wettbewerb der Weimarer Hofbühne ein Sommertheater zu errichten. Demetrius besaß auch eine schöne Frau und ein kleines Kind. Diese waren, wie er selbst, mit Geschmack, ja mit Genie gekleidet, und wenn Demetrius nur Stücke für zwei Personen aufgeführt hätte, würde Herrliches zu erwarten gewesen sein. Indessen — auch die ärmliche Gefolgschaft tat mit. Sie bestand aus einer sentimentalischen Liebhaberin für verzweifelte Fälle, welche taub war und die rührenden Augen der Tauben hatte. Ein verwitterter junger Liebhaber war bereit, Marquis, Grafen, Hausbesitzer, Lebemänner und Intriganten darzustellen, ein jugendlicher Held übte sich einstweilen im Ausfahren des Demetriusschen Kindes. Der Komiker der Truppe hatte sechzig Jahre hindurch Zeit gehabt, den Humor des Lebens auszukosten, und litt an der Gicht. Es gab noch ein Wesen mit einem bleichen Kartoffelgesicht, das man stets häkelnd sah, und endlich fehlte nicht die „Anstandsdame und das Fach der Mütter,“ Frau Margarete Wachenhusen, geborene Freiin von Blumauer, Enkelin eines Grafen aus altfranzösischem Geschlecht, ja aus dem königlichen Blut der Valois oder Bourbonen, genau wußte sie es nicht mehr.
Sie war es, die der Stimme ihrer Herkunft folgend, in Kapellendorf das Schloß aufgesucht hatte. Das heißt, Waldhüters im Erdgeschoß vermieteten einen melancholischen Raum an diese darstellende Künstlerin, die mit wenig Gepäck und großer Beredsamkeit eingezogen war.
Die geborene Freiin von Blumauer, durch Mesalliance zu einer Frau Wachenhusen geworden, hatte zwischen Treppe und Türangel der Frau Oberförster Wolfferstorff einen Antrittsbesuch abgestattet, ihre Lebensgeschichte erzählt und um ein wenig altes Leinen gebeten, zur Vervollkommnung ihres Kostüms als Grillparzers Ahnfrau. Zugleich bot sie drei Sperrsitze an, und ehe Frau Wolfferstorff noch Einsprüche erheben konnte oder nur eine Ansicht äußern, war die geborene von Blumauer nebst der Leinwand unter Zurücklassung von drei fettigen Pappstückchen verschwunden.
Im Wohnzimmer wurde beredet. War nicht die Ahnfrau ein klassisches Stück? War nicht ihre Darstellerin eine geborene Freiin von Blumauer? Sah man etwa täglich den Adel für die Öffentlichkeit Theater spielen?
Nein, wenn Charlottchen schon Schaubühnen dieser Art nicht liebte, Leonore und Klemens konnten ja dies eine Mal hin. Der lieben Enkelin Clemence dürfte man natürlich die dritte Pappkarte nicht anbieten? Aber Fräulein Clemence wollte nichts außer acht lassen, was sie in der deutschen Sprache vervollkommnen konnte. Damit die Großeltern aber doch auch etwas von dem Genuß hätten, lief Leonore in die Bibliothek und holte den Band Grillparzer mit der Ahnfrau, um sie vorzulesen.
Dann ging man endlich ins Theater. In der zur Zeit noch leeren Scheuer des obern Gasthauses hatten unter der Direktion von Demetrius der Komiker, welcher seit sechzig Jahren den Humor des Lebens studierte, der zu allem brauchbare Jüngling, der verwitterte Liebhaber und ein Zimmermann aus dem Ort die Bühne errichtet. Mehrere Petroleumlampen verbreiteten einen gar übeln Geruch, so daß es vorläufig draußen an der Kasse, die unter einem blühenden Lindenbaum stand, ein angenehmerer Aufenthalt war.
Der Graf Kurtzen bot der schönen Clemence den Arm. Er sagte einen Satz, den er sicher irgendwo gelesen hatte: „Zwar ist diese Anhöhe mit dem Lindenbaum und der Scheuer nicht der heilige Hügel von Baireuth, aber Ihre Anwesenheit, mein allergnädigstes Fräulein, erhebt ihn über alle Gralsburgen.“
Dies sagte der achtzehnjährige, pausbackige Graf Dankmar ungefähr so, wie Kinder reden, wenn sie Erwachsene spielen. Die Cousine Clemence aber errötete, und als nun das Zeichen zum Anfang gegeben wurde, schritt sie voll Würde an Kurtzens Arm in den Saal.
Da stand eine Reihe von Holzstühlen, dicht vor den Petroleumlampen der Rampe, das waren die Sperrsitze, und wer sich darauf befand, brauchte nur zwei Schritte zu machen, dann war er mitten unter den Schauspielern. Leonore und Klemens unterhielten sich zunächst damit, daß sie sich umwandten und auf die Ränge hinter sich sahen. Da waren die Frau Lehrer, die Frau Gutsverwalter usw., und im Dämmer des Saales verschwindend die Freundinnen und Freunde Leonores aus der Schule; auch einige Burschen und Männer.
Nun setzte die Ouvertüre ein. Das heißt, der Jüngling, der zu allem brauchbar war, saß zur Seite der Bühne auf einer großen Theaterkiste und blies auf einer Okarina grell und schwermütig das Lied an den Abendstern. Niemand von den Zuhörern wußte das recht zu würdigen. Wenn man auf der in A-dur gestimmten Okarina ein Stück in einer andern Tonart spielen muß, so gehört dazu ein Raffinement. Es ist eine Leistung, die nur wenige schätzen können. Als das Lied an den Abendstern aus war, erfolgte eine lange Pause. Es galt nun, zu warten, ob nicht noch jemand käme. Und wirklich, das Warten wurde belohnt. Der Tierarzt aus Weimar, dem es nicht darauf ankam, durch eine Nacht heimwärts zu wandeln, wollte sich nach einer an einer Kuh vollzogenen Operation noch dem Erhabenen hingeben und nahm einen Sperrsitz ein, den Platz neben Leonore.