Sogleich ertönte eine neue Ouvertüre. Da ein Herr gekommen war, der lustig aussah, spielte der junge Mann munter und vergnügt Lützows wilde, verwegene Jagd. Der Tierarzt bezog die Ovation sogleich auf sich. Und beim zweiten Vers sang er herzhaft in einem wohlgeschulten Männergesangsbariton den Text mit.

Leonore mußte wider Willen lachen, und der wohlbekannte Tierarzt meinte, eigentlich müßten die Leute draußen um den Baum spielen, die Preziosa zum Beispiel und dazu Okarina blasen. Ob Fräulein Leonore das gefiele? Ja, dann konnte man es sich mal leisten. Wie? Ja gewiß, wenn Fräulein Leonore nur wolle.

Leonore erschrak vor den Anträgen des Tierarztes. Was würden die Damen zu Hause sagen, wenn sie den Tierarzt zu solchen Exzessen veranlaßte?

Demetrius fürchtete unterdessen, der Herr auf dem Sperrsitz möchte der Kunst Thaliens noch weiter Konkurrenz durch die Kunst des Gesanges machen, und da es nun schon eine halbe Stunde über der festgesetzten Zeit war, ging der Vorhang auf. Leonore fand nicht sogleich Zusammenhänge zwischen dem gelesenen und dem dargestellten Stück. Doch war im weitern Verlauf des Abends noch einige Ähnlichkeit zu finden. Es schien dann alles sehr rührend, obzwar die Taube mit den schmerzlichen Augen einen Räuber vorstellen mußte und das Auftreten der geborenen von Blumauer sehr kurz war.

In den Pausen ging man um den Lindenbaum, der Tierarzt folgte Kurtzens Beispiel und bot Leonore den Arm. Sie dachte: muß ich schon ein Frauenzimmer vorstellen, so will ich es auch richtig machen; und der Tierarzt staunte über die verwegene Konversation, die Fräulein Wolfferstorff hervorbrachte.

Sie erzählte ihm von der gebotenen Freiin von Blumauer, daß diese ein Bastard von Orleans sei, wie sie sagte, daß Demetrius Schrutz ein Genie wäre, das nur zum Vergnügen mit einer so elenden Truppe zöge.

Der erschrockene Tierarzt kaute noch an dem Bastard von Orleans. Er wußte nicht, daß Leonore darunter das Ergebnis einer Mesalliance verstand. Doch nach und nach begann er zu ahnen, daß Leonore ihn nicht in unaussprechbare Dinge hatte einweihen wollen.

Als die Vorstellung aus war, bat er den Direktor heraus. Jaromir-Demetrius sah freundlich auf den wohlgekleideten Gönner. „Mein Herr,“ sagte der Tierarzt, „Ihr Spiel entzückt uns. Daß Graf Kurtzen getreu der Tradition seines hohen Hauses ein eifriger Beschützer der freien Künste ist, dürfte Ihnen bekannt sein. (Demetrius verbeugte sich vor dem errötenden Dankmar). Miß Warren, der vorgestellt zu werden Sie hiermit die Ehre haben, wünscht ein Stück deutscher Romantik zu sehen. Fräulein Wolfferstorff fände es sehr hübsch, wenn das im Freien dargestellt würde. Die Preziosa verstehen Sie. Also, wenn es Ihnen gefällig ist, kommen Sie in die Schenke zu einer Flasche Wein nachher — ich begleite nur erst die Damen heim, dann besprechen wir das Geschäftliche.“

Wohl, Demetrius würde in die Schenke kommen. Das weimarsche Land hielt seine Tradition, es war den Künsten ein Gönner.

Leonore besann sich ängstlich, wie sie den Doktor Zorn, den Tierarzt, von diesem Aufsehen erregenden Plan abbringen konnte. Aber die Cousine Clemence kam ihr zuvor: „Es ist ein charmanter Plan, Herr Doktor,“ sagte sie eifrig. „Ich freue mich sehr, sehr.“ Leonore wunderte sich; sie hatte gar nicht gewußt, daß die beiden einander kannten.