Doch die Preziosa kam um ihre Erinnerung. Denn am Tage nach der Aufführung starb der alte Einwaldt, Leonores pantheistischer Freund. Sie war von Herzen traurig darüber und ging in den Wald, holte Immergrün, flocht einen Kranz daraus und dachte an die Vergänglichkeit des Lebens.
Dann kam der Sohn aus Berlin und brachte einen Freund mit, der am Grabe des alten Mannes von der Sterblichkeit des Einzelnen und der Ewigkeit des Gesamten redete.
Das war eine große Sensation in Kapellendorf, niemand hatte ja geahnt, daß der alte Einwaldt so schauderhaft schändlich von dem Menschen dachte: sie wären wie Blätter am Baume, die herunter fielen und dann hin seien.
Leonore war in ihrem Konfirmationskleid auf den Kirchhof gegangen, an der Seite des Großvaters. Die Totenrede gefiel ihr nicht — sie war so klar wie ein Rechenexempel, so trostlos wie eine Rechenaufgabe. Was hat es denn Sinn, jemand zu sagen, daß zweimal zwei vier ist? Was nutzt es, zu hören, daß ein alter Einwaldt nimmermehr unsterblich sein sollte? Auch den Sohn schien das nicht zu erbauen, er stand ganz müde und armselig im blendenden Sonnenlicht. Freilich, man hat auch noch nie gesehen, daß pfarrerliche Grabreden jemand glücklich stimmten.
Leonore ging mit dem Großvater wieder hinaus. Da trat ein Schuster, den Neugier und Teilnahme hergelockt hatten, auf den Oberförster zu. Er sagte: „Der war ein Addeist. Was hat er nun dadervon?“
Der Großvater fühlte sich nicht verantwortlich. Er erwiderte ruhig: „Gott schenke seiner Seele Frieden,“ und ging an dem Schuster vorbei.
Am weitern Nachmittag wußte Leonore nichts Rechtes anzufangen. Klemens war still, er ehrte ihre Freundschaft für den Toten. Er kam am Abend nicht auf das Mauergärtlein. Dort saß Leonore allein: sie dachte, niemand hat um den alten Einwaldt geweint, und dabei kamen ihr unversehens die Tränen.
Und wie sie so weinte, sah sie plötzlich drüben auf der Mauer um den Normannenturm Dankmar Kurtzen hin- und hergehen. Er machte wunderliche Gesten, und man hörte unverständliche Worte von ihm kommen. Dankmar würde doch nicht ein Schauspieler werden wollen? — —
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O nein — es konnte nicht wahr sein. Clemence, die Herrliche, Zarte, sie, die um den Normannenturm gewandelt war und sich nach Altengland sehnte — sie, die Beatrice, Laura, Julia war, Unerreichbares in einem Wort: Nein — nein — aber Leonore hatte es gesehen, gedruckt, unwiderleglich: