Das waren schwere Wochen gewesen — böse Wochen. Ein eiserner Ring um den Kopf — und immer dieses bohrende Brennen. Dann Schlaf — Schlaf.
Viele Wochen hatte Leonore so dagelegen — und nun endlich war sie wieder auf. Sie hatte den Typhus gehabt, sich irgendwo die Ansteckung geholt und aufgenommen. Nun aber durfte sie wieder außer Bett sein — matt und müde, wie sie war. Und als sie zufällig in einen Spiegel sah, mußte sie sehr lachen. Das war doch zu drollig, wie ein Junge sah sie jetzt aus. Ganz kurz geschnittenes Kraushaar stand um ihren Kopf.
Die Großmutter lächelte: „Nun hat dich die Krankheit zu einem halben Jungen gemacht.“
Das fand Leonore sehr nett. Wie mußte es hübsch sein, nun immer so zu gehen.
Die Großmutter saß neben Leonore — viel rüstiger als früher schien sie der Enkelin (das kam weil die alte Frau wieder etwas zu sorgen gehabt hatte), und sie plauderte: „Wie du so krank warst, Lenorchen, da ist Fräulein Klothilde immer bei dir gewesen. Sie hat dich so wunderschön gepflegt.“
„Davon weiß ich gar nichts mehr,“ sagte Leonore. „Wenn ich es doch gewußt hätte.“
„Nein, das ist gut, daß du alles vergessen konntest. Und Kelt ist immer gekommen — viele Stunden hat er jeden Tag draußen im Saal gesessen und gewartet, daß wir ihm von dir erzählten. Ein paar Nächte ist er sogar hiergeblieben, wenn vielleicht etwas zu holen gewesen wäre.“
„Der gute Freund,“ sagte Leonore. Und sie fand es sehr schön und sehr rührend: Kelt hatte in dem dämmerigen Saal gesessen — viele Stunden lang — viele Stunden lang. Ganz still war es — nur die Kuckucksuhr hatte getickt, und er war bange, ob Leonores Lebensuhr noch schlug.
„Erzähle nur noch weiter, Großmama.“
Doch da kam Kelt schon selbst. Er kam ohne Meldung herein, wie jemand, der zu Hause ist, stand vor Leonore und drückte ihre Hände. „Ja, wie sehen Sie denn aus, Leonore? Ganz fremd — wie der Lord Byron. Aber wahrhaftig.“