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Kelt tat sein redlichstes, Leonore zu verwöhnen. Als sie noch nicht weit gehen durfte, kam er mit einem Wagen, sie abzuholen. Oder er saß mit ihr an den wunderschönen Frühlingsabenden drunten am Fluß. Sie konnte singen, und das mochte er gern. Eine feine, dunkle Stimme hatte sie, die klang wie tiefe Harfensaiten. Sie klang, wie wenn Menschen vom Meere sprechen und es nie gesehen haben. Wie wenn Menschen von einem unbeschreiblich kostbaren Kleinod erzählen, das ihre Hände nie berührten. Die Inbrunst der Seele macht das niegeschaute Meer zum jungfräulichen Gestade, das nie in verlangenden Händen gehaltene Kleinod zum heiligen Gral.
Leonore hatte aufgehört zu singen; sie sah nach dem grünen Wasser hin, das unter Weidenbäumen melancholisch in langsamem Abschied zog. „Du gehst nun bald fort, Vitus?“
„Noch nicht so bald, Leonore. Paul kommt doch in einigen Wochen — dein Vetter Paul — und den möchte ich gern noch einmal sehen. Denn wenn ich fortgehe ist es auf lange.“
„Auf immer, Vitus?“
„Auf lange, Leonore!“
„Du machst eine so weite Reise mit deinem Freund?“
„Ja, das wird wohl sein. In das alte Land, wo das Paradies gestanden haben soll, wollen wir. Im Schutt von Jahrtausenden graben. Durch meine Arbeit wird zwar für die Wissenschaft nicht allzuviel herauskommen, ich bin ja nur ein Amateur, der selbst die größte Freude am bloßen Tun hat, nicht an seiner Konsequenz. Aber Frédéric Morton ist ein großer Gelehrter — er besitzt jene Intuition des Intellekts, die man hat oder nicht hat — und nicht durch Fleiß erwerben kann.“
„Du liebst diesen Freund wohl sehr, Vitus?“
Kelt lächelte: „Du solltest ihn nur kennen, Leonore. Er ist der idealste junge Mann, den es gibt. Er ist sehr schön. Was sage ich — schön. In Menschenschönheit liegt oft so viel Zufälliges. Darum hat sie ihren einzigen Wert in den Augen der Gebildeten, die das Logische lieben, verloren. Sie vergessen, daß es das Seltenste ist, ein Geschöpf des Zufalles zu sein: ungedacht, nicht geschaffen, aus tausend Willküren heraus wie die Zufallsschönheit wilder Blumen, die Zufallsschönheit von Wolkengebilden, die über den Abendhimmel schwimmen. Wir sind Gewordene, du und ich, Leonore. Auf lange sehen wir zurück. Da waren die Reihen der Voreltern — wir wissen noch, wie sie gewesen sind. So genau wissen wir, woher sie kamen. Ja an der Hand der Geschichte können wir sogar die Gedanken wissen, die sie dachten. Denn wären sie Ausnahmen gewesen, so hätten sie sich ausgeschieden von den andern und wären Ausgeschlossene, Verschollene, von denen man redet wie von Gespenstern. Und wir, die wir aus dem Folgerichtigen kommen, wir lieben gerade den Gegensatz: das Zufällige. Nicht jenes Zufällige, in dem Wahllose sich mit Wahllosen mischten, Willkür sich mit Willkür verband. Daraus entstehen nur Zwitter, die von der Bettelgnade des Tages leben.“