„Verhöhnst du die — die den Tag lieben wie etwas Kostbares, das einzig ist?“

„Nein, Leonore, ich verhöhne sie nicht. Ich bin noch sehr wenigen begegnet, die das konnten, was du sagst. Nur wer Schicksal und Geschichte aus dem Augenblick formen wird, hat ihn geliebt — die von der Bettelgnade des Tages leben, tun es nicht.“

„Du müßtest ein wenig deutlicher dich ausdrücken, wenn ich dich verstehen soll, Vitus.“

„Ja, wie soll ich das sagen. Immer einmal wieder wird Adam-Mensch geboren — der ein Erstling ist und alles neu sieht. Immer einmal wieder geht Parzival, der junge Tor, durch die Welt, oder Kaspar Hauser, der nichts von seinem Ursprung weiß. Zuweilen erwachsen noch aus Finsternissen und dem Unnennbaren im Schoß der Erde jene strahlenden, untergrundlosen Nordlichtexistenzen, die ich Geschöpfe des Zufalls nannte. Und sie sind es, die den Gewordenen entzücken, die ihm das Novum, die Offenbarung des Lebens sind. Wenn du einmal liebst, Leonore, so wird es ein solcher Mensch sein. Einer, der einsam aus seiner Rasse ragt. Der nichts hinter sich will — nur das stürmende Leben begehrt. Mein Freund ist ein solcher Mensch. Er hat nichts geerbt. Der Zufall hat ihn erschaffen. Es gibt Menschen, die seinen Gattungsnamen tragen, und wenn er unter ihnen ist, dünkt es einem, als sei ein Findlingsblock unter Ziegel gefallen. Nur eine Schwester hat er, die ihm gleicht.“

Ah — eine Schwester, dachte Leonore.

Und er redete weiter. „Er hat Augen wie Chrysoprase. Seine Haut ist wie bräunlich gewordenes Elfenbein. Weißt du, wie der Frühling sieht er aus — so maienstark ist er — ist sein ganzes Wesen. Wenn er spricht, spielt er mit den Worten wie mit Federbällen. Sie fliegen, sie pfeifen durch die Luft. Sinnlos scheint es — zusammenhanglos. Und dann plötzlich braucht er nur die Hand auszustrecken und er fängt sie alle — aus den zerstreuten Worten wächst eine wundervolle Einheit.“

„Wie alt bist du eigentlich, Vitus?“

„Ich war einundzwanzig Jahre alt. Du meinst wohl, weil ich so von meinem Freunde spreche. Ja, siehst du, das Äußerliche gehört zu ihm. Er muß klare, harte, grüne Augen haben. Das muß alles sein. Man kann ihn sich nicht anders denken. An ihm findet man eben alles schön. Da ist nichts zu wollen. Seine Schwester gleicht ihm sehr.“

„An dir ist auch kein solcher Fehler, Vitus. Auf dich kann man immer stolz sein. Was machst du für ein Gesicht — wir sind doch gute Freunde. Soll ich das nicht sagen? Meinst du vielleicht, ich hätte mit dir an der Fossa geredet, wenn du nicht so ein schönes Tier wärst? Du bist wie ein großer Hund — ein ganz feiner Hund. Den kann man mit in Stuben zu den schönsten Damen nehmen.“

„O Gott, ein Hund gerade,“ sagte Vitus Kelt.