„Na, oder ein Pferd. Ich weiß nicht so die Worte. Einen Menschen wie dich habe ich noch nicht gesehen. Alle Menschen sind irgendwo schief. So meine ich es. Dankmar Kurtzen und Klemens waren draußen sehr nett, doch unter Erwachsenen und im Zimmer scheu oder komisch. Ich rede nicht garstig von meinen Freunden oder Verwandten, Vitus. Aber sieh mal Charlottchen, so fest und gerade ist sie in ihrem Hause — und immer befangen, als hätte sie eine Schuld auf sich, vor den Menschen. Und der Onkel lärmt so in dem alten Saal. Du tust das nicht.“

„Nun, und Fräulein Klothilde?“

„Die kritisiere ich doch nicht,“ antwortete Leonore und wurde ein wenig rot dabei. Sie war so ehrlich und verehrte Fräulein Klothilde. Und doch hatte Kelt etwas vor ihr voraus.

„Sag mal, Leonore, wie denkst du von dir?“ fragte Kelt. „Bist du auch irgendwo schief?“

„Ja — ich geniere mich so oft, und geniere mich, daß ich mich geniere. Ueberhaupt ist es sehr schwer ein Mädchen zu sein.“

Sie saßen still und sahen auf das fließende Wasser, dem jedes Weitergleiten wie ein Abschied schien — zögernd, schwer — hülflos.

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*

Blau war die Erde von Flieder. Leonore schien es, als erwache das ganze Städtlein in einem Frühlingsfliedertaumel. Um den Ruinenberg, um den Kronengarten selbst war alles voll verschwiegener Gärten hinter Fliederhecken. Der Berg lag wie eine Landzunge vorgeschoben in die beiden Täler des Flusses. Und an all seinen Hängen standen die kleinen, verborgenen Gartenhäuser von grauem Stein. Um jeden Garten waren blühende Fliederhecken, und alle die kleinen, heimlichen Wege und Stege auf dem Ruinenberg waren von Flieder umsäumt.

Leonore ging durch die warmen Abenddämmerungen, die noch so leuchtend waren, trotzdem die Sonne schon hinter die Hügel sich gesenkt hatte. Und Leonore schien es, als trüge eine große, unaussprechliche Freude ihren Körper. Was war es denn, was war es denn? Es war ja nur der Frühling und sein hoffnungsschweres Jauchzen — der Frühling, der das Land vergoldete, der es mit Reiz umkleidete —

„Guten Abend, Frau Traumfelder. Sammeln Sie Rapünzchen?“