Nicht nur mit den Menschen freundete sich Leonore an. Aus einem ganz verwilderten Garten, der niemand zu gehören schien, hatte sie gestern eine Schwertlilie gestohlen.

Weil sie so über alle Maßen schön war. Mein Gott, die Schwertlilie hatte es doch so einsam in dem ganz verwilderten Garten. Auch Flieder stahl Leonore. Im Kronengarten blühte er für die Großmutter.

Ganze Arme voll Flieder hatte sich Leonore in ihre Stube geholt. Das roch so wunderlich in der Nacht, wenn der Spätfrühlingswind durchs Fenster kam. Und erst wenn man das Gesicht in die breiten Trauben drückte, o, das war eine Lust — Lust —

Und Leonore lief durch die kleinen Wege zwischen den Fliederhecken auf den Ruinenberg. Eine große, unaussprechliche Freude trug ihren Körper. Was war es denn? Es war der Frühling und sein liebesschweres Jauchzen. —

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Der Vetter Paul sah Leonores Malereien an, die sie bei Fräulein Klothilde gemacht hatte. Vetter Paul war eine Autorität. Er hatte ein Bild gemalt, und das war schon verkauft. Folglich mußte er etwas verstehen, und das Lob, das er Leonores Malereien spendete, erfreute besonders das Herz der Großmutter. Ja, nun sollte Leonore schon noch mehr Gelegenheit zur Ausbildung bekommen — Porzellanmalen war doch so etwas Aufregungsloses und Solides.

Leonore konnte das Lob Pauls nicht ergötzen. Denn dieser Paul nannte jetzt Fräulein Klothilde seine Liebste, und die Liebste sagte zu Leonore du, und sie waren jetzt Cousinen. Leonore fühlte dumpf: der von ihr so äußerst verachtete Tierarzt war gewiß ein vortrefflicher Mann gewesen. Sie hatte ihm sehr unrecht getan. Die Ideale heirateten alle, ob sie nur schöne Seelen oder nur schöne Gesichter hatten. Sie heirateten beliebige Männer, und daß Leonore sie geliebt hatte, bedeutete gar nichts. Und sie heirateten keineswegs Welteroberer oder Könige, sondern Mallehrer und Gestütsdirektoren.

Leonore bedachte nicht, daß sie nie die Hoffnung genährt hatte, ewig von Klothilde Stunden zu haben. Doch sie war von Eifersucht erfüllt und schämte sich dessen in alle Tiefen hinein. Sie wollte gar nicht mehr an Klothilde denken, das war eben nun eine Cousine — nun ja, was denn weiter? Nun ging man zu vieren im Wald und auf der Heide — mochten Klothilde und ihr Bräutigam nur vorausgehen ...

„Ja, Leonore,“ sagte Kelt auf einem solchen Weg — „freut es dich denn gar nicht, daß du später in München noch besser malen lernst? Wie wäre ich glücklich um eine künstlerische Begabung.“

Leonore sagte erbittert: „Ich kann mir nun alles auf Kaffeetassen malen, was ich mir wünsche. Ich wollte doch lieber leben, lieber leben!“