Draußen klingelte es. „Es wird Professor Freyer sein,“ sagte Nacka, „bitte kommen Sie herüber in den Salon.“ Sie ging selbst in den Flur, Freyer zu begrüßen.

Freyer las Kunstgeschichte. Leonore besuchte seinen Damenkurs. Sie kannte den Professor schon lang persönlich — er kam oft zu Planck und Müller. Er trat jetzt hinter Nacka ein. Der Lyriker und der Romancier schienen klein und schwächlich neben dem hochgewachsenen Mann. Ihre Gesichter dekadent neben seinen kräftig ausgebildeten, stark modellierten Formen.

Man plauderte eine Weile. Dann gerieten plötzlich Planck und Wredegast contra Müller und Tucher in einen heftigen Streit. Ihre Worte flogen, ihre Zigaretten sprühten Feuer. Es war etwas um die Frauenbewegung.

Professor Freyer ging zur Leonore, die ein wenig allein an einem Fenster saß. „Fräulein Leonore,“ sagte er, „haben Sie Lust, morgen mit nach Nymphenburg zu gehen? Die Frau Baronin kommt auch mit — ich habe noch ein paar junge Leute dabei, die das Schloß ansehen wollen. Es ist Samstag, dann haben Sie doch nachmittags frei?“

Leonore bejahte freudig. Der Professor blieb noch neben ihr sitzen. „Ich höre Sie so gern thüringern,“ sagte er, „erschrecken Sie nicht, Sie sprechen gewiß ganz unauffällig. Nur ein geübtes Ohr hört den Thüringer Klang heraus.“

„Haben Sie Thüringen lieb, Herr Professor?“

„Ja,“ sagte er, „denn ich kenne es. Erzählen Sie mir doch ein wenig von Ihrer Heimat.“

Sie tat es unbefangen.

Nach einer Weile verabschiedete sich der Professor. Tucher schloß sich ihm an, er wollte noch ins Nachtcafé; auch Wredegast. Die stumme Tröster war schon früher gegangen. Leonore hielt man noch zu bleiben. Sie wehrte sich, aber Nacka Planck erlaubte nicht, daß sie ging.

Nacka Planck holte eine Gedichtsammlung und las vor, Schönes und Banales wahllos durcheinander. Alles aber war von großer Heftigkeit des Empfindens, und Iphigenia von Müller verschlang die Leserin mit den Augen. Warum muß nur ich dabei sitzen? dachte Leonore.