Taumelnd vor Müdigkeit stieg sie nach Mitternacht die Treppe hinauf. Da stand Alfred Wredegast noch auf dem Korridor. Sie dachte: er ist wohl eben heimgekommen.

Er ging an ihr vorbei, sah sie an und sagte im Vorbeigehen ganz unpersönlich, sehr sanft und sehr eindringlich geradeaus in die Luft: „Bleiben Sie nie allein dort unten, Fräulein Leonore. Nie allein! Sie gehören nicht zu diesen Damen.“

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Leonore arbeitete in dem Atelier des „diplomierten königlichen Porzellanmalers“ Fockendanz. Sie hatte gar nicht gedacht, daß es an einer Sache, die doch nur ein besseres Handwerk war, so lange, so viel zu lernen gab. Seit sie allerdings im Erdgeschoß der neuen Pinakothek die Porzellankopien der Schönheitsgalerie (einer Laune des Königs Ludwig I.) gesehen hatte, begriff sie: bis man ein solches Porträt den Tücken des Brandes, der Unberechenbarkeit mancher Erd- und Metallfarben abgewann, konnte man jahrelang lernen. Sie wollte ja das nicht. Aber wenn sie wollte, daß sie einst aus diesem Handwerk einen Lebensberuf, als Lehrerin etwa, machte, müßte sie es mit Methode treiben. Die alten „Dekors“ von Meißen, Sevres, Wedgewood, Nymphenburg, Berlin, Kopenhagen, Delft, Japan waren schließlich nur ein unerläßlicher Grundstock, der einem geläufig sein mußte, wie das Einmaleins. Dazwischen gab es eine Menge von mehr verschollenen Stilarten, die nur irgend jemand wieder in Mode bringen mußte: die alten bäuerlichen Stücke aus Feuerbachs Porzellanfabrik in Bruckberg, die Sachen in Glastönen, die Ornamente, Altäre, Urnen, Opfersteine und Gestalten des Empire, dann die moderne Linienführung in van de Veldescher Art. Freilich zum Neu-Schöpfer wird der selten, der den langen Weg historischer Entwicklung durchlaufen hat. Aber es war ja nicht ihr Ehrgeiz, eine Revolution auf dem Gebiete des Porzellandekors hervorzubringen. Ach Gott nein — nein.

Leonore wusch ihre Pinsel in Terpentin aus, machte sie sorgfältig trocken und gab ihnen dann ein wenig Mandelöl, denn das Terpentin schadete den Marderhaaren, und die waren von großer Kostbarkeit.

Die Wortspeise, wie man abkürzend jene Pfarrerstochter mit den Suppentellern nannte, pinselte immer noch an den Passionsblumen eigener Zeichnung.

„Nun, Fräulein Eichhorn, müssen Sie heute noch fertig werden?“

Fräulein Eichhorn benutzte die Ansprache, um etwas, das sie auf dem Herzen hatte, anzubringen. Ob Leonore sich nicht an den sonntäglichen Kindergottesdiensten beteiligen wolle. Es fehle an Kräften, besonders, seit irgendeine Dame die Stadt verlassen habe. „Herr Kandidat Auerochs hält die Vorbereitung; wenn Sie sich anschließen wollten, Fräulein Wolfferstorff, ich gehe direkt von der Stunde aus in die Vorbereitung. Herr Kandidat Auerochs ist gerade bei der Aussetzung des Moseskindes, und was Ihnen von der Schöpfung bis dorthin fehlt, wird gewiß Herr Kandidat Auerochs so gut sein mit Ihnen durchzugehen, wenn Sie ihn darum bitten.“

Aber Leonore hatte keine Neigung, den unbekannten Kandidaten Auerochs um etwas zu bitten. „Ich eigne mich nicht dazu, Fräulein Eichhorn,“ sagte sie freundlich.

„Das dürfte doch erst Herr Kandidat Auerochs zu entscheiden haben, ob Sie sich eignen, Fräulein Wolfferstorff. Da wir so Mangel haben, wird er vielleicht an Ihrem kurzem Haar keinen Anstoß nehmen.“