Ernsthaft hörte der Professor zu. Sie nannte in ihrer Erzählung auch Kapellendorf. Er bat sie, wieder ein wenig von der Heimat zu sprechen. Und sie vergaß ganz, daß sie als kleine Schülerin mit einem berühmten Professor ging — sie redete wie mit einem Kameraden. Immer mehr wollte Freyer wissen, es wurde schließlich Leonores Familiengeschichte daraus.
„Sie haben mich überzeugt, Fräulein Leonore, Sie verzeihen, der Name ist so schön, man spricht ihn so gern aus, ich darf doch so sagen? Oder ist er nur für Ihre Freunde?“ Richard Freyer beugte sich ein wenig herunter. „Dann lassen Sie mich so sagen, wie Ihre Freunde Sie nennen! Ja, Sie haben mich überzeugt, daß es noch Freundschaften gibt.“
Wredegast und die Baronin Müller kamen herzu. Sie hörten das letzte Wort.
Iphigenia griff es lebhaft auf. „Wir leben ja in einem neuen Zeitalter der Freundschaften, lieber Professor. Sehen Sie sich doch nur unter den jüngeren Menschen um. Die besten, die feinsten unserer Jugend sehen ihr höchstes Gefühl in der Freundschaft. Ist es nicht so, Herr Wredegast?“
Der nickte. „Unsere Zeit hat nur herbere Formen als die sentimentale Freundschaftsepoche des vorigen Jahrhunderts.“
Freyer strich seinen kurzen, eckig sich zuspitzenden Vollbart. „Ich habe wohl ein wenig zu lange über Büchern gesessen und kenne die Zeit nicht mehr.“
Er blieb an Leonores Seite. Er sprach von seiner Studentenzeit — von Jahren voll Not und Freude in Berlin. Ja, und lange sei seine Frau tot. Viele Jahre. Kinder hatten sie nicht gehabt. So lange die Frau lebte, wäre es sehr gesellig bei ihnen gewesen. Seitdem lebe er nur der Wissenschaft — ja, und als Hochschullehrer käme er ja viel mit der Jugend zusammen — aber es sei doch eine Trennung; wenn man auch Vertrauen erführe, ein gewisser Rückhalt bliebe doch.
Leonore ließ sich das in Ruhe erzählen. An einer Haltestelle verabschiedete sich Freyer. —
Die Baronin von Müller forderte im Hause Leonore auf, den Tee mit ihr zu trinken. Ob auch Wredegast Lust habe? O gewiß, ja.
Iphigenia von Müller eilte heftig, ziellos im Salon umher. Sie suchte im Bücherschrank nach Kakes, im Schreibtisch nach Tassen, besann sich aber dann, daß sie nach alledem ja nur zu klingeln brauche. Nachdem sie sich dazu entschlossen hatte, kam der Tee zustande.