Iphigenia redete noch von Freundschaften. O, es wäre ja wunderschön, wenn Leonore sich mit Freyer befreunde. Ein solcher Charakter, ein solcher Gelehrter, ein Kind, eine Seele von einem Menschen. Ja, sie würde sich herzlich freuen, sie würde sagen, das ist wohlgetan, wenn Leonore wirklich einen wahren Freund in Freyer fände. Und Nacka, auch sie würde es reizend finden. Und ob es nicht auch Herr Wredegast — „Herr Wredegast, Sie sagen gar nichts. Und es ist doch etwas so wahrhaft Seltenes, Schönes — denken Sie doch nur an Wilhelm von Humboldt und die Briefe an eine Freundin —“

„Sie sind nicht amüsant,“ sagte Herr Wredegast.

„Wie?“

„Die Briefe,“ wiederholte der junge Mann bedächtig.

Iphigenia Baronin Müller war seit Jahren bemüht, seit sie unter Künstlern lebte, die Gewohnheiten ihrer Art abzulegen. So vor allem, sie erwartete auch Antworten. „Was würden Sie sagen, wenn Freyer und Leonore Freunde würden?“

Alfred Wredegast lächelte, sah wie eine Spitzmaus aus und sagte leise und melancholisch: „Oh Maria Stuart, würde ich sagen.“

Leonore saß und aß Kakes, denn sie war hungrig. Auch wurde man nicht geküßt, während man aß.

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Der Winter war schon weit vorgeschritten, und Leonore hatte das Einmaleins der historischen Porzellandekors schon mit der Sicherheit des Jongleurs in den Händen. Eigentlich hätte sie Ostern nun nach Hause gehen können. Aber alle redeten ihr zu, noch ein wenig „zu studieren,“ — und sie fand es selbst schön, in dieser Stadt der Anregungen noch den Sommer über zu bleiben. Vorerst war es ja immer erst Februar.

Wredegast und Tucher fanden es nicht gut, daß Leonore nur ein schlichtes Kunsthandwerk trieb. Sie vermuteten unentwegt eine selbständige Künstlernatur in ihr und waren der Meinung, sie dürfe jetzt nicht draußen auf dem Lande Stunden geben und Tassen und Vasen malen. Herr Tucher behauptete, Leonore vermöchte zu dichten, Herr Wredegast sah ein Bühnentalent in ihr. Sie ließ sich aber nicht verführen, Gedichte zu machen oder Rollen zu lernen, sondern arbeitete tapfer und brav im Atelier des königlich privilegierten Porzellanmalers Fockendanz weiter.