Herr Wredegast aber wollte ihr das herrliche Leben der Bohême zeigen. Hier bei Bendler mußte man ja leben, als wollte man einst „Keeniglicher Biamter“ werden — und bei Planck-Müller war eigentlich ein feudaler Haushalt. Leonore möge doch einmal mit in ein Nachtcafé kommen — dort, wo alle Berühmtheiten aus der Jugend, dem Simplicissimus und der Sezession zu sehen wären, würde sie den Reiz des Künstlerlebens begreifen lernen.

Er sagte das im Salon Planck-Müller zu Leonore, und Planck-Müller waren bereit, sich auch einmal einen Abend lang wieder zur Bohême hinab zu neigen und mit in das Café Simplicissimus zu gehen.

Man brach denn um zehn Uhr auf, durchwanderte zugige, eiskalte Gassen und kam endlich in ein Lokal mit rot erleuchteten Fenstern, aus dem schon auf die kalte Gasse heraus ein quälender Lärm drang.

Wredegast führte seine drei Damen durch nebeldicken Rauch zu einem Tisch. Nach einer Weile vermochte Leonore auch zu sehen, und sah viele Tische voll Herren und phantastischer Damen. Ein Klavierspieler, den man Herr Professor nannte, wimmerte La Paloma herunter, ein Herr spielte dicht daneben auf einer Ziehharmonika ein ganz anderes Stück, eine dritte Melodie klang von einer Querpfeife aus der Ecke, und am Tisch neben den Neuangekommenen versicherte eine Dame in Schwefelgelb sehr kläglich aus ihrer Betrunkenheit heraus, daß sie einst ein Kind von fünfzehn Jahren war.

„Hier werden Kulturwerte geschaffen,“ sagte Herr Wredegast melancholisch und dabei wie eine Spitzmaus lachend, und er winkte der Kellnerin. Das war eine stattliche Dame, vielleicht dreimal ein Kind von fünfzehn Jahren — sie begrüßt Herrn Wredegast — und dann leuchteten plötzlich ihre Augen auf: „Hab’ ich die Ehr’, Freiln Planck, gnä’ Freiln?“

Anastasia Planck rief munter: „Ah, Katti Kipferl, wie geht’s?“

„Ich danke der Nachfrag’, gut. Und Ihnen — ach ’s ist lang, wissen Sie noch gnä Freiln, in der Isarau — das waren Zeiten.“

Nacka Planck erinnerte sich. „O ja, Katti Kipferl, sagen Sie mal, was ist denn da aus der Kleinen geworden, wissen Sie, die mit den sanften Rehaugen, die so jung war?“

Katti Kipferl nahm eine wehmütige Haltung an. Sie sagte, als spräche sie Unaussprechbares: „Is a Wassermädel worn, gnä Freiln, im Stephanie a Wassermädel.“

Leonore begriff nichts. Anastasia wiederholte jetzt voll Trauer, wie wenn es sich um eine Wasserleiche handelte: „Ein Wassermädel. So.“