Plötzlich fragte Herr Strom souverän nach Nacka Plancks Herkunft. „Sind Sie Jüdin?“ fragte er.
Nacka Planck schnellte fast in die Höhe. „Jüdin? Griechische Katholikin bin ich.“
„O,“ sagte Herr Strom mitleidig — „ich meine nicht die Konfession — ich meine die Rasse. Sie können so furchtbar traurig aussehen, wie es eigentlich nur die Möglichkeit der Semiten ist. Es würde mich nicht wundern. Sie haben eine so merkwürdige Anziehung — nur Wesensfremde, Heterogene ziehen sich in dieser Weise an.“
Nacka Planck sagte etwas gereizt, es wäre gewiß sehr amüsant, wenn jeder diese Nacht seine Familiengeschichte erzählte, aber man müßte jetzt doch bald nach Hause. Im übrigen, sie sei rein arischer Abkunft.
Worauf Herr Strom sich verabschiedete. Aber Wredegast wollte noch nicht gehen. Er wiederholte das Wort des Bekannten: Irgendwo liebt uns immer jemand, und wir wissen es nicht.
Und er erzählte eine Geschichte. Er war in Norwegen gewesen und hatte acht Nächte nicht geschlafen. Acht Nächte lang hörte er den Sturm flüstern: komm zu mir. Bis er endlich, wie von einem Dämon getrieben, nach Berlin zurückreiste, wo er damals studierte. Und da hörte er: ein junges Mädchen, eine Bildhauerin, die ihn geliebt hatte, der er Kamerad gewesen war, hatte Gift genommen. Und acht Tage und Nächte litt sie daran, bis sie endlich tot war. Und ihre Freunde hatten sie immer flüstern gehört: komm zu mir — komm zu mir! Komm zu mir, komm zu mir, sagte sie mit ihrer armen, zerbrochenen Stimme. Und die andern vergingen vor Kummer, und niemand wußte, wen man rufen sollte. Niemand wußte es. Und sie konnte den Namen nicht mehr sagen. Niemand konnte ihr helfen. Und ich hörte acht Tage lang den Wind flüstern, komm zu mir, komm. Und erst als sie tot war, fanden sie einen Brief an mich. O, ich kann nicht weiter sprechen, ich darf nicht an den Brief denken, er zerreißt mir das Herz.
Und Alfred Wredegast wurde bleich — und Leonore dachte, wie sehr er leidet. Nebenan brüllte kreischende Musik. Nacka Planck starrte Wredegast an. Ihr Gesicht war verzogen vor Gram. Sie drückte die Hände vors Gesicht, ließ sie sinken und sagte mit tiefer Stimme: „Was Sie uns da erzählen, Herr Wredegast, bewegt mich tief. Ja, es bewegt mich tief, Herr Wredegast.“ Sie schüttelte sich — rief in einem Atemzug mit hellem Ton, mit frohem Gesicht: „Katti Kipferl, zahlen!“
Man ging. Leonore war es ganz wirr im Kopf. Sind es alle Komödianten? dachte sie.
**
*
Am andern Tag bat Iphigenia um Leonores Besuch. Sie sei krank, sie habe Migräne, sie fürchte sich. Nackchen wäre im Atelier — Nackchen hätte ja nie Zeit für sie. Und sie fühle sich erbarmungswürdig. Ob Leonorchen denn nicht etwas bei ihr bleiben möchte.