Gewiß, Leonorchen wollte bleiben, wenn die Baronin doch so krank war. Die Baronin legte sich auf einen Diwan und ließ sich mit Decken und Kissen einbauen.

Dann besann sich Leonore, was es für Mittel gegen Kopfschmerzen gibt, und zählte sie auf: Riechsalz, Brausepulver, Magentropfen, heiße Umschläge, Zitronensäure äußerlich und innerlich, ferner Kaffee, ein stark kohlensaures Getränk, oder aber ein Apothekermittel: Koffein, Migränin, Antipyrin, Aspirin, Phenazetin, Zitrophen, Morphium.

„O Gott,“ fragte Iphigenia ganz erschüttert, „woher wissen Sie denn so viele Mittel?“

„Meine Großmutter leidet an Migräne.“

„Ihre arme Großmutter leidet an Migräne? Wie schrecklich. Das kehrt nämlich sehr oft bei den Enkeln als Geisteskrankheit wieder. Ja, oder als eine für die betreffende Rasse ungewöhnliche Erhöhung der psychischen und intellektuellen Kräfte.“

„O,“ sagte Leonore, der der Wahnsinn noch den Beigeschmack des Genialischen oder mindestens Interessanten hatte — „wirklich, ist das so?“

Die Baronin Müller gab eine etwas phantastische physiologische Erklärung. Immerhin, Leonore bewunderte dieses Wissen und fand es anziehender als Zärtlichkeiten.

Die Baronin beschäftigte sich aber wieder mit den eigenen Kopfschmerzen — wünschte es mit Zitrone zu versuchen, und Leonore wandte das Mittel an: äußerlich Befeuchtung der Kopf- und Stirnhaut mit Zitronensaft, innerlich Zitronensaft in Brausepulver. War es nun das Mittel, war’s der Glaube, bald fühlte sich Iphigenia wohler.

„Was sind Sie für ein liebes Kind, Leonorchen, Nacka hat für solche Dinge gar kein Verständnis. Sie ist nie krank, außer beim Zahnarzt hat sie noch nie Schmerzen gehabt, und sie rät immer Spazierengehen gegen Migräne. Ja, in einem Zustand, wo jeder Schritt eine Qual ist, rät sie Spazierengehen!“

„Sehr gesunde Menschen verstehen Krankheiten gewöhnlich gar nicht. Sie haben eine Art Haß dagegen. Haben Sie das noch nicht bemerkt, Iphigenia — so ganz gesunde egoistisch-starke Menschen wenden sich immer von Kranken ab. Kopfschmerzen sind ja nun keine Krankheit. Aber diese egoistisch Starken fühlen Kranke wie Feinde, oder wie Minderwertige. Sie gehen sie nichts mehr an.“