Iphigenia dachte nach. Leonore schaute sich so lange in dem Schlafzimmer um. Es war zugleich Ankleideraum — und alle Einrichtungen für eine raffinierte Reinlichkeit standen zur Schau. Ein Waschtisch mit warmer und kalter Leitung — der Boden darunter mit Zinkblech ausgeschlagen — mit Abflußröhre. Ein Sortiment von Schwämmen, Frottierlappen, Handtüchern, Bürsten und Seifen, und Toilettewässer wie ein Regiment Soldaten. Alle Javole und Odole der Welt — ein Kamm- und Bürstenlager — gerade, gebogene, gekrümmte Zahnbürsten, Zungenkratzer zur Wahl, eine vielteilige Nagelgarnitur — das alles stand blitzblank da. O, man konnte beruhigt sein, Iphigenia pflegte ihren Körper — aber wenn sie jeden Morgen, Mittag und Abend mit sechs Zahnbürsten in den Mund fuhr, gewiß zerriß sie die Lippen damit.

Iphigenia war mit dem Nachdenken fertig. Sie sagte: „Leonore, Sie sind sehr klug für Ihre Jugend. Was Sie da von Gesunden und Kranken sagten, leuchtet mir sehr ein. Kommen Sie doch her zu mir, liebes Kind, setzen Sie sich zu mir auf die Ottomane. So — so ist es gut. Geben Sie mir Ihre Händchen —“

„Es ist eine Hand,“ lachte Leonore. „Nummer 6½. Es ist wirklich eine Hand.“

„Also die Hand, wenn Ihnen das besser gefällt.“

Plötzlich weinte die Baronin. Weinte und drückte sich an Leonore. „Ich bin so unglücklich, Leonore, so schrecklich unglücklich.“

„Aber, liebe Iphigenia — was ist denn? Soll ich Anastasia rufen? Haben Sie schlechte Nachrichten von dem Baron?“

„O nein — nichts von beidem. Bleiben Sie — Kind, gehen Sie nicht fort. Es ist — ich fühle, wie Nacka von Tag zu Tag kälter gegen mich wird — wie sie meiner überdrüssig wird. Ja, und einmal, da hatte sie Freundschaft für mich. Und nun — was hat sie Ihnen gesagt, Leonore, was hat sie Ihnen gesagt?“

„Ob ich sie heute besuche, hat sie mir gesagt, sonst nichts.“

Die Baronin seufzte: „Es ist also so weit, daß sie gar nicht mehr von mir spricht. Ich existiere nicht mehr für sie.“

Alles wird Frau von Müller zum Unglück, dachte Leonore, und sie sagte: „Wir wissen es doch, daß Nacka Sie sehr gern hat — man sieht es doch aus Ihrem ganzen Zusammenleben — aus Ihrer gemeinsamen Lebensführung — man fühlt es an dem Behagen, das von Ihrem Heim ausgeht.“