„Wie hübsch Sie das sagen, liebes Kind. Man könnte es fast glauben. Aber Sie täuschen sich. Ach, es ist nicht mehr wie früher. Hören Sie — ich glaube, sie will mich forthaben. Ich langweile sie mit meiner Eifersucht.“
„Dann würde ich nicht mehr eifersüchtig sein, Iphigenia.“
„Dann würden Sie nicht mehr eifersüchtig sein? O, liebes Kind, waren Sie jemals eifersüchtig?“
Leonore dachte an den Tierarzt, an den Vetter Paul. War das Eifersucht gewesen? Wohl nur Enttäuschung. „Ich war ein Kind,“ sagte sie. „Was weiß ein Kind.“ — Leonore redete wie ein alter Weiser: „Es gibt gewiß oft Differenzen zwischen zwei so verschiedenen Naturen, wie Sie und Anastasia sind. Ist das nicht einfach Naturnotwendigkeit? Sie sind beide so temperamentvoll — und das lieben Sie gewiß auch aneinander. Man hat seine Freunde doch so lieb, wie sie sind.“
„Sie wollen doch wohl nicht sagen, daß man an seinen Freunden auch die Untreue lieben soll?“
Leonore dachte: Untreue Freunde — waren das Freunde? Oder ist es natürlich, daß alles sich ewig wandelt? Sie und Vetter Klemens, als er sie damals hier mit Dankmar besuchte, hatten sich doch jetzt gar nichts mehr zu sagen gehabt — es ist die Zeit, die Entwicklung, die die Menschen auseinander bringt. Man hat sich nichts mehr zu sagen — ohne daß die Anteilnahme an dem Geschick des andern sich verlöre. Es ist besser, man sieht sich nicht wieder — man kann der Erinnerung freundlich gesonnen bleiben. — Und Leonore sagte: „Könnten sich nicht Beziehungen einfach überleben? Ich meine nicht, Ihre Beziehung zu Nacka habe sich überlebt — ich meine es rein akademisch, wie immer Tucher sagt. Es braucht nicht Untreue zu sein —“
Aber Frau von Müller hörte nicht auf akademische Weisheiten. Sie beugte ihr gerötetes, zerfahrenes Gesicht zu Leonore herüber und flüsterte: „Mein Mann liebt die Nacka Planck. Das ist mein Unglück. Ich bin zu ihr gezogen, um durch den täglichen Umgang ihr ähnlich zu werden. Aber sie mag ja gar nicht mehr meine Gesellschaft. Sie schließt sich im Atelier ein, widmet sich ihren Modellen und anderen Menschen. Sie war ehrlich traurig, daß mein Mann sich so vergaß. Sie bot mir an, bei ihr zu leben, bis eine Änderung einträte. Aber nun belästigt sie meine Dankbarkeit und ihre Gastlichkeit. Sie sagt mir in jeder Stunde des Alleinseins, ich gehöre zu dem Manne, weil ich ihn doch geheiratet habe. Und weil ich ihn noch liebe.“
Leonore begriff diese Zustände nicht sogleich. „Wie?“ sagte sie, „und um Nacka Planck ähnlich werden zu können, sind Sie böse, wenn Sie sich nicht jeden Augenblick allein haben? Deshalb sind Sie auf die Modelle eifersüchtig?“
„Ja,“ sagte die Baronin stupid. „Was haben Sie denn sonst gedacht?“
Leonore war sich darüber nicht klar. Sie brauchte auch nicht zu antworten, denn die Tür wurde aufgestoßen — Nacka Planck kam herein. Ihr Gesicht drückte Brutalität aus, ihre Haltung Zorn. — „Also hier — das ist ja hübsch. Du klagst wohl über mich?“