Die Baronin zitterte. „Nackachen, Liebste, ich war so elend — Lenorchen hat mich so schön gepflegt.“

„Du bist nicht krank,“ sagte die Planck hart. „Du wirst jetzt mit mir spazieren gehen. Haben Sie Lust, Leonore, mitzukommen?“

Doch Leonore war froh, entrinnen zu können. Sie sah noch, wie die Baronin gehorsam aufstand — ihre Überkleider suchte — und mit Blicken auf Nacka sah, wie sie ein geprügelter Hund hat — und zugleich voll Neugier. Sie dachte wohl, ob auch diese Pose Nackas den Baron Müller betören würde? — —

Leonore ging durch die Stadt. An hastenden, an bierseligen, an schimpfenden, an fremden Menschen vorbei. Sie aber sah nur das Festliche an dieser Stadt: die breiten, schön geformten Häuser, die von Heiterkeit und Genußfähigkeit sprachen, die schönen Bilder und Geräte an den Schauläden, die weiten Plätze. Sie sah nur die sichere Vornehmheit dieser Stadt, die von Künstlern erdacht worden ist. Sie kam durch die Straßen mit den Botschaftspalästen, mit den Häusern von Malern und Edelleuten. Kam an den Propyläen vorüber, die sie sehr liebte, und erreichte nach einer Weile das Siegestor. Der weiße Turm der Ludwigskirche leuchtete in den Vorfrühlingshimmel hinein. Die ganze Straße war erfüllt von diesem glänzenden, lebensvollen Weiß. O ja, das war wirklich eine königliche Straße.

Leonore bekam Lust, ins Freie zu gehen. Im Englischen Garten mußte es um die Zeit des Abends gut sein — ehe noch die Stadt ihre vielen Menschen aus der Arbeit entließ, ehe noch der Schutz der Dämmerung alle Laubnischen mit Gestalten füllte.

Sie ging über die weiten Rasenflächen, die schon frühlingsgrün waren, ging und stieg den Hügel zu dem Monopteros hinauf. Da war niemand. Einsam klang Leonores Schritt auf den Steinfliesen, die den griechischen Tempel umgeben. Sie setzte sich auf die Rundeinfassung — sah nach der Stadt. Eine weiche, verschleierte Luft zog um die Türme.

Leonore lächelte. Sie wußte nicht warum. Sie seufzte. Sie wußte nicht warum. Vom Himmel fiel ein leiser Regen. Dieser tändelnde, zarte, warme Frühlingsregen, der Gras und Knospen und Sehnsucht und unnennbare Ahnungen wachsen läßt, fiel auf ihre bloßen Hände und auf ihr Kraushaar, von dem sie die Mütze genommen hatte. Sie saß und dachte an große Taten und blaue Fernen und Liebesnächte von Pan und Erde. Ganz wirr war alles in ihr, so glücklich empfing sie den Frühling.

Da war auf einmal Freyer am Monopteros. Er hatte zu Ehren des Frühlings helle leichte Kleider an, und setzte sich neben Leonore.

Sie mochte ihn gern. Er war von charaktervoller Häßlichkeit — mager, brünett, muskulös, ohne alles Kleinliche in seiner Gesamterscheinung. „Der liebe Gott hat wieder einmal das Paradies erschaffen,“ sagte er, und er wies deutend mit der Hand auf den grünenden Garten um sie.

„O, das ist es — darum bin ich so froh,“ antwortete sie, und sie stand am Rand des Hügels und lächelte — stand am Rand des Hügels und lächelte und hob die Hand in tastender Bewegung zu ihrer Stirn. — „Ich wußte ja nichts — ich wußte nie, warum mich der Frühling immer so glücklich macht,“ sagte sie — „und nun ist es, weil in jedem Frühling das Paradies neu geschaffen wird — oder sind es wir, die es schaffen? Wir wissen alles lange, lange — und alles ist neu —“