Der Mann sah das junge Mädchen. Sah sie — sah ihren Körper voll Enthusiasmus, voll schwankender, taumelnder, willenloser Entzückung. Sie war schön. Schön wie der Überschwang. Sie war jung. Jung wie der Frühling.

Der Mann trat zu ihr. Er redete. Er fragte sie tausend Dinge. Und schließlich gingen sie zusammen nach Hause.

Alles um sie her glänzte, strahlte von dem Frühlingsregen. Wie von Silber überrieselt. Wie in Morgenkühle getaucht. Die Tropfen fielen den an den Büschen Vorüberschreitenden auf die Hände. Sie leuchteten an den Stämmen herunter. Und Leonore war so froh. Diese zärtlich verheißungsvolle anregende Frühlingsluft fühlte sie wie ein Jubeln des Blutes. Wie einen einzigen Rausch.

Und wie ein Rausch redete sie — sie redete, wie nur der Reine spricht, der nie von einem Weggefährten etwas Unfeines zu denken fähig ist, wie nur der Unberührte spricht, der noch nicht weiß, daß Schweigen die Rettung vor den Menschen ist: „Man sollte zum Frühling beten. Man sollte singend durch die Wälder ziehen — O, wissen Sie, wie das ist, wenn die Osterglocken durch Dämmerung und Stille läuten — und im Steinbruch die Palmkatzen ihre Pelze aufsetzen und alles ist so voll von Unaussprechlichem? Man weiß es ja noch nicht — und doch war es schön — man fühlt es nur — der Sturm kommt, der Frühlingssturm, der alles neu macht — O, wenn ich ein König wäre, ich wollte meinem Volke Frühlingsfeste schenken — allen Kindern und allen, die arm sind, wollte ich das Evangelium vom Frühling sagen — wollte sie weit fort von den Städten führen — in Talgründe, die blau sind von Veilchen, und wo die Himmelsschlüssel läuten — Und denen, die alt und müde sind, wollte ich sagen: wenn einst die Toten erwachen, so werden sie in einem Frühlingsgarten stehen und alles wird sie mit einem Blumenlächeln grüßen —“

„Und sollte das immer so bleiben, Leonore? Immer?“

„Ich weiß nicht — Wenn es immer wäre, könnten sie sich nicht mehr sehnen. Aber so lange wir auf der Erde sind, sehnen wir uns doch, und da ist es gut, an Erfüllung zu glauben. Den Sommer — o, den Sommer wollen wir auch. Wenn die Felder weiß sind — und Ungewitter ins Tal hinunter ziehen — oder wenn die sturmbange Stille über dem Land liegt — ja, vielleicht soll im Himmel auch ein ewiger Sommer sein. Wenn ich einmal König bin, will ich den Menschen versprechen ...“

So fabelte sie. Und der Mann neben ihr sah sie unverwandt an. Denn sie war jung. Jung wie der Frühling. Denn sie war schön. Schön wie der Überschwang. — —

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Ein paar Tage später war Leonore wieder im Englischen Garten. Sie hatte ein wenig die Zeit vergessen und es dämmerte schon, als sie sich endlich auf den Heimweg besann. Leonore war zum ersten Male bis zum Aumeister hinaus gegangen, und nun ergab sich, daß sie den Rückweg nicht richtig wußte. Sie sah nach der Uhr: in einer Viertelstunde sollte sie bei Planck-Müller zum Abendbrot sein. Sie mußte sich also beeilen, denn bestenfalls hatte sie auf dem direkten Weg noch Dreiviertelstunden zu gehen. Sie lief und lief — und merkte plötzlich, daß sie im Kreis herumgegangen war. Da entschloß sie sich, den nächsten Menschen, der ihr begegnen würde, anzureden und zu fragen. Und so wandte sie sich an den Nächstbesten, der des Weges kam.

Es war ein Herr in mittlern Jahren, der ihr freundlich Bescheid gab und sagte, er habe denselben Weg, sie möchte nur mit ihm kommen. Sie war ein wenig ratlos, dachte aber: sobald ich wieder in einer mir genau bekannten Gegend bin, schlage ich einen andern Weg ein.