Liebe Leonore,
warum schreiben Sie mir so anders, als Sie sprechen? Ich will nicht ein Herr Professor für Sie sein, sondern Ihr Freund. Bin ich Ihnen dafür zu alt mit meinen vierzig Jahren? Ich kann mich ja leider nicht in einen Kelt, nicht in Kurtzen und Klemens verwandeln. Kann ich nicht trotzdem Ihr Freund sein? Was Sie mir schreiben, Liebe, macht mir nachträglich Sorge. Hat Ihnen jemand Böses getan? Sagen Sie mir, das darf nicht sein, das darf nicht ungeahndet bleiben. Wenn dies der Grund ist, warum Sie nicht wieder zurückkehren wollen, so soll er beseitigt werden. Verlassen Sie sich auf mich. Sie haben keinen Bruder, und Sie müssen mir erlauben, hier als Bruder für Sie einzustehen. Sie brauchen hier niemand zu fürchten, dafür lassen Sie mich nur sorgen.
Sagen Sie Ihrer Frau Großmutter Empfehlungen von mir. Ich kann mir denken, daß sie Freude hat, ihre Enkeltochter wieder bei sich zu haben.
Und antworten Sie mir sogleich.
Herzlich
Ihr R. Freyer.
Lieber Freund,
ich nenne Sie gern so, wenn Sie es erlauben. Sie sollen auch gar nicht denken, daß Sie dazu anders sein müßten, als Sie sind.
Aber nach München kann ich nicht wieder — und ich kann auch den Grund nicht sagen. Verzeihen Sie und haben Sie Dank für Ihre Fürsorge — es ist nichts geschehen, was man „ahnden“ sollte. Grüßen Sie auch Tucher und Wredegast von mir. Sie haben mir zusammen geschrieben, aber ich weiß nichts Lustiges darauf zu antworten.
Die Großmutter läßt Sie grüßen. Sie ist recht alt geworden diesen Winter. Aber manchmal geht sie doch mit mir in den Garten und freut sich an den Veilchen. Uns Thüringern ist das ja eine so heimatliche Blume.
Sie wissen doch, Goethe hat sie überall gesät, wo er war — in Gärten und ins freie Land.