Sie werden wohl nun bald nach Florenz gehen, ich bin sehr stolz, daß ich durch Ihre Vorträge mit den alten Kunststädten Italiens nun so gut Bescheid weiß.

Grüßen Sie auch den Monopteros von mir, wenn Sie noch einmal in den Englischen Garten kommen. Hier ist es Frühling — und ich bin froh.

Leonore.

Liebe, ich gehe dieses Jahr nicht nach Italien. Etwas Unbestimmtes warnt mich, so weit weg zu reisen. Hier in dieser Stadt hat zwar Goethe nicht Veilchen gesät, und die man findet, können sich keiner so illustren Abkunft rühmen, wie die Weimarischen, aber sie gefallen mir doch, und Sie sollen an denen, die beiliegen, beurteilen, ob sie nicht auch blau sind und nach Frühling duften.

Liebe, es ist so leer geworden, seit Sie fort sind. Wenn ich Sie unter meinen Zuhörern sah, kam mir immer Freude an meinem Stoff. Sie machten mir das oft Dozierte, Wohlbekannte neu. Als ob es mir selbst zum ersten Male begegnete — als ob ich wieder mit jungen Augen sähe — als ob ich ein ungebrochener Mensch wäre, dem das Kunstwerk die Offenbarung ist. Wenn Sie nun Schüler nehmen, werden Sie vielleicht dieses Gefühl auch kennen lernen. Unterrichten ist meist eine Frone. So selten findet man einen jungen Menschen, dem das Wort Wahrheit wird: „es ist ebenso schön zu lernen, als zu leben.“

Erzählen Sie mir doch von dem, was Sie nun tun. Wenn Sie schon wirklich nicht mehr hierher kommen können (Sie werden zwingenden Grund haben, glaube ich wohl), so möchte ich doch, soweit es Briefe gestatten, an Ihrem Leben Anteil nehmen dürfen.

Sie haben mich Ihren Freund genannt, als solcher darf ich doch um etwas bitten.

Herzlichst
Ihr Richard Freyer.

Lieber Freund,

ja, ich habe nun zwei Schülerinnen und einen Schüler. Jetzt darf ich nicht mehr Flieder stehlen, wenn er blüht, und die einsamen Schwertlilien werden sicher vor mir sein.