Ich habe zwei Mädchen, die eine allgemeine Bildung bei mir erhalten sollen. Die Eltern drückten sich aus, von allem ein bißchen wäre bei ihren Töchtern angebracht. So wie es in einem „Institut“ sei. Es sind zwei Konfirmandinnen (hier werden die Kinder schon mit dreizehn Jahren konfirmiert) und sie sollen vor allem Briefe schreiben lernen und ein wenig Französisch, ein wenig „Literatur“ und ein bißchen Geschichte und Zeichnen.
Ich werde also Homöopathie mit ihnen treiben.
Der Schüler ist ein Schmiedssohn, der nach Weißenburg auf die Realschule fährt und im Französischen eine Fünf hat — im ersten Kurs geht es ihm schon so. Eigentlich verlangte meine Rechtlichkeit, dem Schmied zu sagen, er solle seinen Jungen doch nicht so quälen. Der würde gewiß leichter Schwerter als Syntaxformen schmieden. Aber wenn die Menschen mit ihren Kindern höher hinaus wollen, meinen sie es ja gut.
Ich sagte den Konfirmandinnen neulich, sie sollen mal einen Brief an eine Freundin schreiben. Ganz nach freier Wahl — sie sollen sich irgendein Ereignis ausdenken, etwas von allgemeinem Interesse, das in der Stadt sich ereignet hat. Sei es nun ein Unglück, ein Neubau, Hochwasser oder ein Fest — oder die Konfirmation.
Da brachte die eine folgenden Brief:
Liebe Freundin!
Teile Dir mit, daß sich hier eine Familie befindet, welche unverschuldet aus Not in das größte Elend geraten ist. Ein Brand hat ihre Habe verzehrt und befinden sich all ohne Kleider. So Du etwas hast, schicke es bald, nach dem Sprichwort: wer bald gibt, gibt doppelt.
Im übrigen befinden sich wir im besten Wohlsein und indem ich dasselbige von Dir hoffe
zeichne Deine treue Freundin
Amanda Wiedemann.
Ich wollte wissen, welchen Stand der Bildung und Ausdrucksfähigkeit die Schülerinnen haben. Solche Briefe lernten sie in der Schule, es war ein geläufiges Muster. Ich wollte schwören, nie würde eines von den Mädchen eine Freundin um alte Kleider bitten. In diesen Jahren denkt man gar nicht, daß andere helfen sollten. Und dann — wenn diese Mädchen reden, sagen sie stets „ich und meine Mutter, ich und meine Freundin,“ —, aber wenn sie schreiben, vermeiden sie das „ich“ vollkommen, als sei es ein anstößiges Wort. Und alles „befindet sich“.