Ach, wie wird dieser Stil mit Homöopathie zu behandeln sein?

Sie sehen, lieber Freund, mit meinen Schülerinnen werde ich eher ein genügsames Amüsement als Freude haben. Doch ich bin ganz zufrieden. Ich habe mir ein sehr feierliches Schulzimmer gemacht, und alle meine Münchener Herrlichkeiten hängen da. Der Sohn des Schmieds benutzt in jeder Stunde die Bilder und Abgüsse, um zehn Minuten lang der Syntax und den Vokabeln zu entrinnen. Er ist ein kluger Junge — ich glaube, es wäre für uns alle das Beste, von der Grammatik zur Kunst zu fliehen. Leben Sie wohl!

Leonore.

Liebe Leonore, ich möchte wohl einmal dabei sein, wenn Sie dem Schmiedssohn Unterricht gehen. Der Junge wird gewiß noch Ihre Freude, und vielleicht wird er einmal statt eines Stümpers in Sprachen, ein tüchtiger Kunsthandwerker. Kann er zeichnen? Probieren Sie das doch einmal mit ihm. Über Ihre Konfirmandinnen habe ich sehr gelacht. Da wird nicht viel zu machen sein.

Aber schreiben Sie mir doch auch, wie Sie sonst leben. Ich stehe so ganz allein, wie Sie wissen, seit vielen Jahren habe ich kein menschliches Interesse mehr gefühlt — Nummern, konventionelle Gestalten glitten an mir vorbei. Wenn ich an Sie denke, ist es mir immer, als dächte ich an meine eigene Jugend. Und es will mir nicht so ganz gefallen, daß Sie mit Ihren achtzehn Jahren (wenn es neunzehn sind, so bitte ich um Entschuldigung) so brav den Schulmeister spielen. Könnten Sie denn wirklich nicht wieder hierher kommen? In ein anderes Haus — ohne Berührung mit den früheren Bekannten? Herr von Müller ist noch immer hier, es scheint, Iphigenia soll wieder mit ihm zu leben lernen. Seien Sie mir nicht böse, wenn ich wieder in Sie dringe. Es ist nicht nur Egoismus, ich denke auch an Ihre Jugend, für die die große Stille Ihres Ortes vielleicht nicht gut ist.

Ihr Freyer.

Lieber Freund, bitte, fragen Sie mich nicht mehr, weshalb ich nicht wieder nach München komme. Ich habe dort ein Erlebnis gehabt, an das ich nicht wieder erinnert werden will. Und selbst wenn dies nicht wäre, ich möchte nun die Großmutter nicht verlassen. Sie ist leidend, ohne eine Krankheit zu haben. Immer müde — viel zu Bett. Der Arzt nennt es das Alter. Sie ist froh, daß ich da bin — sie freut sich an meiner Tätigkeit. Und in der freien Zeit bin ich um sie. Es ist gewesen, mein Onkel Steingruber, der Oberförster, hat sich in aller Stille mit der Tante Charlotte, seiner Schwägerin, verheiratet. Er wünschte das schon vor Jahren, weil Charlottchen ihrer Schwester, seiner ersten Frau, so ähnlich ist. Aber damals wagte er es nicht zu sagen, weil sie doch bei ihren alten Eltern war. Der Großmutter ist das eine große Freude, aber fast scheint es mir, seit sie nicht mehr für ihre „Jüngste“ zu sorgen hat, fühlt sie nicht mehr die Notwendigkeit zu leben. Onkel und Tante reisten auf ein paar Wochen nach der alten Thüringer Heimat. So bin ich mit Großmutter allein.

Ich schreibe diese Familiengeschichten, weil Sie doch — im Gegensatz zu allen Menschen, die ich in München kennen lernte — immer so teilnehmend nach meinen Angehörigen fragten. Es ist eine gute Zeit für mich, trotzdem Großmutter krank ist. Sie hat ja keine Schmerzen, kaum Unbequemlichkeiten. Da bin ich bei ihr, und sie erzählt mir aus ihrer Jugend, von Dingen und Menschen, die fern und tot sind und in diesen Gesprächen vielleicht ihre letzte Auferstehung feiern.

Und ich spreche zu ihr von den kleinen Geschehnissen des Tages — spreche ihr auch von Ihren Briefen und Ihrer Person.

Um den Abend gehe ich manchmal ins Freie — und es kommt doch vor, daß ich Flieder stehle. — Das alles auf Ihre Frage nach meinem Wiederkommen.