Die Städte des Elbtales.
Da erst die Deutschen als Städtegründer auftraten, so wird es ganz erklärlich, daß die drei Städte des Elbtalkessels: Meißen, Dresden und Pirna sämtlich auf dem linken Elbufer angelegt sind, die wir seit Otto dem Großen als die deutsche Seite bezeichnen können. Alle drei Städte liegen außerdem in der Nähe der Mündung größerer Zuflüsse der Elbe, nämlich der Triebisch, Weißeritz und Gottleuba, aber diese Zuflüsse mündeten ursprünglich nicht in, sondern neben den Städten. Ferner liegen die Städte auffällig symmetrisch: Dresden in der Mitte des Elbtales, Pirna am Eintritt der Elbe in dies Tal, Meißen am Austritt des Stromes; Pirna und Meißen als die Wächter des Stromes mit festen Burgen auf felsiger Höhe, Dresden dagegen ganz im Tal, in der Elbaue. Als wichtige Übergangsstellen über die Elbe liegt jeder der Städte auf dem rechten Stromufer ein Vorort oder eine Vorstadt gegenüber. Vor Meißen Cölln, vor Altstadt Dresden die Neustadt, vor Pirna Kopitz. Aber die Bedeutung der drei Städte ist im Laufe der Jahrhunderte bedeutend verschoben. Die älteste Stadt, nach der das ganze Land lange benannt worden ist, nimmt gegenwärtig, der Volkszahl nach, nur den zweiten Rang ein, und die Stadt Dresden, die ursprünglich neben unbedeutenden Fischerhütten gegründet wurde, hat sich, durch ihre natürliche Lage und durch Fürstengunst gehoben, zur Großstadt und Residenz des Königreichs aufgeschwungen und zählt zu den volkreichsten Städten des Deutschen Reiches.
Da die Deutschen von Nordwesten her an der Elbe aufwärts gedrungen sind, so würde es der geographischen Lage entsprechen, wenn Meißen zuerst und Pirna zuletzt als Stadt gegründet wäre. Leider ist das Gründungsjahr, abgesehen von der Burganlage in Meißen, nicht bekannt; aber urkundlich werden die Städte ihrer Reihenfolge nach so genannt, wie sie liegen und zwar Dresden zuerst als Stadt 1206 und Pirna 1233. Wir folgen bei unserer Betrachtung dieser Anordnung und beginnen mit Meißen ([Abb. 20]).
Daß König Heinrich I. auf einer, von Bäumen bestandenen Höhe an der Elbe den Grund zu einer Burg 928 gelegt habe, wird von dem Bischof Thietmar von Merseburg bezeugt. Wenn daneben in den frühesten Nachrichten eine Wasserburg erwähnt wird, die unterhalb des Rundturmes an der Ostecke des Burgkomplexes gelegen haben soll, so muß diese Angabe so lange zweifelhaft erscheinen, als sich von einer solchen Burg nicht die geringsten Spuren haben nachweisen lassen. Jedenfalls ist diese Mitteilung für die weitere Geschichte und Entwickelung der Stadt völlig bedeutungslos. Wie dann unter der Regierung Ottos des Großen von deutscher Seite die ernstesten Anstrengungen gemacht wurden, alles Land zwischen Saale und Elbe dem Deutschen Reiche einzuverleiben und zu behaupten, trotz der wechselnden Schicksale langdauernder Kriege und Unruhen, das ist bereits oben ([S. 26] u. [27]) mit Zeitangaben kurz belegt.
Abb. 26. Porzellanbrennofen der Königl. Porzellan-Manufaktur zu Meißen. (Zu [Seite 34].)
Für die Stadtentwickelung war es wohl von größerer Bedeutung, daß sie Bischofssitz wurde, als daß die Markgrafen zeitweilig bis zum Ende des elften Jahrhunderts hier ihren Sitz hatten, denn in dieser frühen Zeit war der Ort noch nicht im vollkommen sicheren Besitz der Deutschen. Doch soll schon in dieser Zeit, um 1025, die Elbbrücke angelegt sein, zunächst als Holzbrücke auf Steinpfeilern, denn es handelte sich darum, von der wichtigsten Burg an der Elbe auch einen dauernden Einfluß auf das überelbische Land im Osten zu gewinnen. Wenn gegenwärtig Dom und Burg das Stadtbild vor allem bestimmen, so wird nach oben erwähntem bischöflichem Einfluß auch der Dombau zuerst in Angriff genommen sein ([Abb. 21]).
Meißen.
Als ältester Bau gilt die Kapelle des heiligen Andreas, die 1269 vollendet wurde. Sie war eine Stiftung des Domherrn Konrad von Boritz, der sich auch um die Kolonisation namhafte Verdienste erworben hat. Die Kapelle gehört der Frühgotik an. Um dieselbe Zeit begann man mit dem Dombau und führte ihn bis in die Mitte des fünfzehnten Jahrhunderts fort. Der Meißener Dom ist das früheste Beispiel eines Hallenbaues in den Elbgegenden. Der Chor entstand nach 1270, das Langhaus wurde in der Zeit von 1312 bis 1342 aufgeführt. In ihm befinden sich die Grabdenkmäler sächsischer Fürsten des fünfzehnten und sechzehnten Jahrhunderts. Damals entstanden auch (nach Gurlitt) die Statuen, die sich jetzt im Chor des Domes und in der Johanniskapelle befinden und Kaiser Otto und seine Gemahlin Adelheid, den heiligen Donatus, Johannes den Täufer u. a. darstellen. Gurlitt spricht dabei die Vermutung aus, daß unter dem Namen des deutschen Kaisers und seiner Gemahlin der prachtliebende Markgraf von Meißen, Heinrich der Erlauchte, selbst dargestellt sei nebst seiner dritten Gemahlin Elisabeth von Maltitz; denn Heinrich residierte in Meißen und war auch als Minnesänger bekannt und geachtet. Der Tannhäuser nennt ihn „Heinrich den Mizenäre“ und Walther von der Vogelweide kurzweg den „Mizenäre“ (Meißener).