Abb. 30. Rote Stufen in Meißen.
Nach einer Aufnahme von Römmler & Jonas in Dresden. (Zu [Seite 34].)
Dresden.
Dresden, eine Großstadt von nahezu einer halben Million Einwohner, erscheint historisch an zweiter Stelle unter den Städten des Talkessels, hat aber im Laufe des letztvergangenen Jahrhunderts dermaßen die anderen überflügelt, daß gegenwärtig mehr als drei Viertel aller Bewohner des Talkessels von Pirna bis Meißen hier vereinigt leben. Und aus wie bescheidenen Verhältnissen ist sie erwachsen! Ein kleiner slavischer Rundling auf dem rechten Ufer, Fischerhäuschen auf der linken Seite des Stromes: das waren die Anfänge. Obwohl die Lage auf dem rechten Ufer günstiger scheint, wurde doch die deutsche Stadt Dresden auf dem linken Ufer errichtet ([Abb. 31]), das wir bereits als das deutsche Ufer bezeichnet haben, und zwar neben der slavischen Ansiedelung. Die Niederung der Elbaue war zum Teil mit Sümpfen und Teichen erfüllt, zwischen denen eigentlich kaum genügender Raum für eine Stadtanlage vorhanden war. Diese Sümpfe oder Seen, wie der Städter sie nannte, gewährten aber andererseits wieder dem Orte gegen unerwartete Überfälle und Angriffe Schutz. Jetzt sind diese Lachen verschwunden, aber Lokalnamen in der Stadt, wie Seestraße, Am See, Seevorstadt erinnern noch an die alten Zustände. Daß hier ursprünglich nur Sumpfwald und Gebüsch bestanden haben kann und daß danach die Slaven ihre Ansiedelung benannt haben, muß als die natürlichste Erklärung des Stadtnamens gelten, der in der Form dresga Sumpfland und Gebüsch bedeutet, wonach dann die Bewohner dresjan, d. h. Bewohner des Sumpfwaldes waren. Mit dieser Erklärung ist die früher beliebte Deutung des Namens Dresden als Fähre, Übergang über den Fluß (slavisch Trasi) gefallen. Aus der Entwickelung der Stadt ergibt sich auch, daß der Begriff einer Fähre historisch später zutreffend war, aber nicht von Anfang an paßte; abgesehen davon, daß sprachliche Bedenken gegen die Ableitung von Trasi erhoben sind. Aber die kleinen slavischen Siedelungen, die zum Burgwarde Brießnitz gehörten, traten lange Jahre noch hinter diesem benachbarten Dorfe derart zurück, daß auch in kirchlicher Beziehung Dresden von Brießnitz abhängig war. Brießnitz war nicht bloß die zweitälteste Kirche an der Elbe, sondern auch die Mutterkirche für Dresden. Die Frauenkirche, die älteste Kirche im Dorf Dresden, war eine Filiale von Brießnitz, und Dresden gehörte auch noch im ganzen Mittelalter zum Kirchensprengel von Brießnitz. Da die Frauenkirche nun vermutlich schon im elften Jahrhundert gegründet ist, so konnte sie nicht wohl in dem wahrscheinlich größeren Dorfe Dresden am rechten Elbufer errichtet werden, weil die Elbe noch bis ins zwölfte Jahrhundert die christliche und die heidnische Uferseite des Stromes trennte. Dresden selbst wird urkundlich zuerst 1206 genannt und zehn Jahre später, 1216, als Stadt bezeichnet. So wird also die Gründung der Stadt in den Anfang des dreizehnten Jahrhunderts fallen. Die markgräfliche Burg ([Abb. 32]) und die Stadt lagen aber neben der slavischen Siedelung, die sich wohl um die Frauenkirche scharte; denn auch die Frauenkirche lag außerhalb der Stadt. Und wie nun sehr bald die Burg in Dresden sich in ihrer Bedeutung rasch über die Burg Brießnitz erhob, gewann auch die neue Stadt, die ihren Namen vom slavischen Nachbarorte entlehnt, bald das Übergewicht über das Dorf und nahm schließlich die alten Ansiedelungen auf beiden Seiten der Elbe in sich auf.
Abb. 31. Dresden von der Bärbastei. 1820. Nach dem Stich von L. Richter.
Aus: „Dreißig malerische An- und Aussichten von Dresden und der nächsten Umgebung“. (Zu [Seite 35].)
Die Elbbrücke.
Wie bei vielen neuen Städten im slavischen Koloniallande, wurde auch die Stadt Neudresden, wie sie im Gegensatze zum Dorfe Altdresden genannt wurde, nach einfachem Grundplane angelegt. In der Mitte lag der Marktplatz ([Abb. 33]), gleichsam das Herz der Stadt, der Mittelpunkt des städtischen Lebens und Verkehrs, und eine Reihe Gassen, die sich rechtwinkelig schnitten, berührten die Seiten des Marktes oder liefen ihnen parallel. Die wichtigsten Gassen — denn diesen besseren Namen hatten die Straßen bis in die zweite Hälfte des neunzehnten Jahrhunderts, wo von Norddeutschland her sich der auch sprachlich unschöne Name Straße eindrängte — waren die Elbgasse, die vom Markte nach und über die Elbe führte und die seit dem sechzehnten Jahrhundert Schloßgasse hieß, und die wilische Gasse, jetzt Wilsdruffer Straße. Wie auch heute, war schon damals der Punkt am Markte, wo diese beiden Gassen sich trafen, am meisten vom Verkehr belebt. Denn die wilische Gasse führte über Wilsdruff nach Freiberg. Freiberg war älter als die Stadt Dresden; und je mehr sich der Bergbau entwickelte, um so mehr hob sich auch der Verkehr nach und von Dresden. Freiberg war aber im ganzen Mittelalter bedeutender und volkreicher als Dresden. Dresden lag nicht an der ältesten Verkehrsstraße, die von Merseburg und Leipzig her durch das Flachland ostwärts führte und im Burgwart Boritz, südlich von Riesa, den bequemsten Elbübergang fand, um weiter nach Polen zu ziehen. Aber in dem ganzen Elbtalkessel hatte Dresden eine einzig günstige Lage, um einen bequemen Übergang über den Strom zu gestatten. Sonst traten, sei es am rechten oder linken Ufer, die steilen Bergabhänge hemmend in den Weg, und nur allein bei Dresden senkte sich sowohl vom Erzgebirge, als von dem Lausitzer Hochlande her das Gelände so allmählich, daß auch Warenzüge die Schwierigkeiten der Talsenkung leicht überwinden konnten. Als nun mit der Entwickelung des Bergbaues das höhere Bergland rasch besiedelt wurde, mußte die Straße von Freiberg den Elbübergang in Dresden suchen. Ihm diente in der Stadt die wilische Gasse, aus der dann aber am Markte die Elbgasse rechtwinkelig zum Strome abbog. Darin liegt die Erklärung, daß die Ecke am Altmarkt, bei der heutigen Löwenapotheke, von jeher die verkehrsreichste Stelle in der ganzen Stadt war.