Die Brühlsche Terrasse.
Zum Bilde der Brücke gehört aber auch die anliegende Brühlsche Terrasse ([Abb. 46]). Es ist das erste Werk, das während der Regierung Friedrich August II. (1730–1763), wenn auch nicht durch ihn selbst angeregt, entstand und zu den für das Stadtbild charakteristischen Anlagen gehört. Die Terrasse wurde 1738 auf Befehl des allmächtigen Ministers Brühl als vornehmer Privatgarten auf den Festungswerken über der Elbe errichtet, wurde aber erst im neunzehnten Jahrhundert, 1814, durch den damaligen russischen Militärgouverneur Repnin allgemein zugänglich und somit zu öffentlichen Anlagen umgestaltet, indem er vom Schloßplatze die große Freitreppe ([Abb. 47]) anlegen ließ, die später, 1872, durch die prächtigen Gruppen der vier Tageszeiten von Schilling geschmückt wurden. Von der Höhe der Terrasse bieten sich sowohl nach Nordwesten bis zu den Lößnitzer Weinbergen, als nach Osten gegen die Waldhöhen der Dresdener Heide so fesselnde Landschaftsbilder, deren Reiz durch den zu Füßen des Beschauers dahinfließenden belebten Strom noch wesentlich erhöht wird, daß man ähnliches schwerlich inmitten einer Großstadt finden wird. Darum bewahrt auch die Terrasse zu allen Tages- und Jahreszeiten ihre mächtige Anziehungskraft nicht nur für den Fremden, der den Besuch dieser hochgelegenen, aussichtsreichen Anlagen oft der Besichtigung der Museen vorzieht. Für Dresden war es ein großes Glück, daß der kunstliebende König und Kurfürst Friedrich August II. mehr in Dresden als in Warschau lebte und daß er zur Verschönerung Dresdens noch größeren Glanz entfaltete. Vor allem galt es, da mit August dem Starken die königliche Familie zum katholischen Glauben übergetreten war, um die polnische Krone zu gewinnen, eine prächtige, dem Zeitgeschmack huldigende katholische Kirche ([Abb. 48]) zu erbauen. Sie wurde neben dem Zwinger und der Frauenkirche das dritte charakteristische Bauwerk der Stadt, das schon von ferne den Blick auf sich zog, und wurde in der Zeit von 1739–1751 durch den italienischen Baumeister Gaëtano Chiaveri (1689–1770) nur mit italienischen Bauleuten ausgeführt. Dabei entstand auf dem heutigen Theaterplatz das italienische Dörfchen, eine Reihe kleiner Wohnungen für die Arbeiter und daneben Steinmetzhütten, Kalkhütten, Tischler-, Schlosser- und Schmiedewerkstätten etc., die erst im neunzehnten Jahrhundert bis auf die Gebäude unmittelbar an der Elbe beseitigt wurden. Nur diese sind als vielbesuchte Restaurants erhalten und heißen noch das „Italienische Dörfchen“.
Abb. 41. Der Zwinger in Dresden.
Nach einer Aufnahme von Römmler & Jonas in Dresden. (Zu [Seite 42].)
Die Kreuzkirche.
Mit großem künstlerischen Geschick hat Chiaveri nicht bloß den Platz, sondern auch die Lage der Kirche und des Turmes gewählt. Er wich dabei von der üblichen Orientierung der Kirchen ab und legte den Chor südwestlich an, wodurch der Bau auf dem freien Platze neben dem Schlosse und der Brücke zur vollen Geltung kam. Ganz besonders merkwürdig ist die Stellung des Turmes, der nicht nur die ganze Elbseite beherrscht, sondern auch aus dem Inneren der Stadt über der ganzen Länge der Schloß- und Seestraße, und von der Moritzstraße her in voller Höhe gesehen wird. Die Kirche ist in dem für Italien maßgebenden Barockstil des siebzehnten Jahrhunderts errichtet; alles ist dabei auf malerische Wirkung berechnet und der Gesamteindruck durch die geschickte Verwendung von achtundsiebzig Statuen hoch oben auf dem Rande des Kirchendaches erst vollendet. Diese Statuen, Werke Mattiellis, sind perspektivische Kunstwerke und optische Kunststücke, denn auf die Verkürzungen, die bei der hohen Stellung der Figuren für den Beschauer unten entstehen, ist die größte Rücksicht genommen. Dadurch ist erreicht, daß die Statuen von nah und fern stets in klarer Silhouette erschienen. H. Hettner mag in strengerer Beurteilung der Statuen recht haben, wenn er behauptet, sie seien zum Teil von den allermanieriertesten Motiven, unnatürlich in der Form, gewaltsam in Stellung und Bewegung, völlig stillos in dem unruhigen Flattern der Gewänder, aber er kann sich dem Gesamteindruck auch nicht entziehen und gesteht, daß sie wesentlich dazu beitragen, das barocke aber geniale Werk in seiner überraschenden Wirkung zu steigern. „Man kann sogar ketzerisch genug sein, im Ernst zu behaupten, daß eine strengere Formengebung zu der architektonischen Umgebung, zu der heiteren Brücke und den lachenden Elbufern weit weniger malerisch stimmen würde. Weder der Außenbau noch der Innenbau ist kräftig. Es ist die kokette Grazie des Zopfstils.“
So bildete also diese Kirche einen strengen Gegensatz zu der protestantischen Frauenkirche und von diesem Gesichtspunkte aus konnte das 1883 errichtete Lutherstandbild (nach Rietschels Lutherdenkmal in Worms) keinen geeigneteren Platz finden als vor der Frauenkirche.
Abb. 42. Äußere Ansicht des Zwingers.
Älteste Darstellung nach dem Stich von Veith. (Zu [Seite 42].)