Unter den wichtigsten Erwerbungen in diesem Zeitraum sind für 1741 zu nennen 268 Gemälde aus der Sammlung des Grafen Waldstein im Schlosse Dux in Böhmen, für 1743 der Ankauf mehrerer Gemälde von Paul Veronese für nur 4000 Taler, sodann die Kopie der Holbeinschen Madonna für 22000 Lire und dann 1745/46 die Gewinnung von 100 wahrhaft klassischen Gemälden aus der Sammlung des Herzogs Franz von Este-Modena für 100000 Zecchinen (etwa 1 Million Mark).

Dresden als deutsches Florenz.

Unter diesen Meisterwerken italienischer Kunst, die auf fünf Wagen verpackt im August 1746 glücklich nach Dresden gelangten, nachdem während des Handels zahllose Schwierigkeiten hatten überwunden werden müssen, befanden sich sechs Gemälde von Correggio, darunter die weltberühmte „Heilige Nacht“ ([Abb. 49]), die Madonna mit dem heiligen Georg ([Abb. 50]) und die büßende Magdalena, der Zinsgroschen von Tizian ([Abb. 51]), ferner Bilder von Andrea del Sarto, Dosso Dossi, Carlo Dolce, Guido Reni, Giulio Romano, Caravaggio, Paul Veronese, Pordenone, den drei Carracci und Guercino; sodann aber waren auch Spanier, wie Ribera und Velasquez, Niederländer wie Rubens und van Dyck vertreten. Dazu kam 1748 noch eine Anzahl von 69 Gemälden aus der kaiserlichen Galerie zu Prag für 50000 Taler, darunter befanden sich u. a. van Dycks Karl I. von England und seine Gemahlin, L. da Vincis Tochter der Herodias, Caravaggios Spieler, Guido Renis Christus mit der Dornenkrone, außerdem Gemälde von Bassano, Tintoretto, Schiavone und mehrere Niederländer, unter ihnen Rubens und Honthorst. Die berühmteste Erwerbung jener Zeit geschah 1753, als es gelang, das beste Werk Raffaels, die Madonna di San Sisto ([Abb. 52]), aus der Benediktinerklosterkirche zu Piacenza für 20000 Dukaten und eine gleichgroße Kopie von dem venetianischen Maler Giuseppe Nogari zu gewinnen. Man erzählt, daß man, um den kostbaren Schatz sicher und unerkannt über die Grenze und über die Alpen zu bringen, zu einer List seine Zuflucht genommen und das ganze Bild mit einer in Leimfarbe ausgeführten Landschaft — überstrichen habe. Auch an die Ankunft des Meisterwerkes in Dresden, die im November 1753 erfolgte, knüpft sich noch eine anmutige Sage, die sogar im neunzehnten Jahrhundert durch den Maler Theobald von Oër in einem großen Ölbilde verherrlicht worden ist. Der König, erzählt man, war außerordentlich auf die Auspackung und Aufstellung der Madonna gespannt, denn er hatte das Bild schon früher als Kronprinz gesehen und bewundert. Er ließ also das Gemälde zunächst nach dem Thronsaale im Schlosse bringen und fand, als man sich hier nach einem geeigneten Platze für eine vorläufige Aufstellung umsah, daß das Bild das beste Licht empfange, wenn es an die Stelle des Thronsessels gerückt werde. „Allerhöchsteigenhändig“ erfaßte der König den Sessel und schob ihn mit den Worten beiseite: „Platz für den großen Raffael“. Murillos Madonna mit dem Kinde ([Abb. 53]) wurde 1755 in Paris erworben; aber mit dem bald darauf ausbrechenden Siebenjährigen Kriege hörten die großartigen Erwerbungen auf; es waren indes bereits alle die kostbaren Schätze zusammengebracht, die in Bezug auf die Meisterwerke des sechzehnten und siebzehnten Jahrhunderts die Dresdener Galerie zu einer der ersten der Welt machen. „Noch niemals waren (nach H. Hettner) diesseits der Alpen solche Schätze gesehen. Es war eine völlig neue Welt, welche sich der deutschen Bildung durch diese gewaltigen Anschauungen und Anregungen auftat.“ Schon 1756 schrieb Winckelmann darüber in seinem ersten Werke: „Es ist ein ewiges Denkmal der Größe dieses Monarchen (Friedrich August II.), daß zur Bildung des guten Geschmacks die größten Schätze aus Italien, und was sonst Vollkommenes in der Malerei in anderen Ländern hervorgebracht worden war, den Augen aller Welt ausgestellet sind... die reinsten Quellen der Kunst sind geöffnet; glücklich ist, wer sie findet und schmecket. Diese Quellen suchen, heißt nach Athen reisen; und Dresden wird nunmehro Athen für Künstler.“

Aber nicht diese Vergleichung Athens mit Dresden hat sich erhalten und ist volkstümlich geworden, sondern der von Herder erwählte Vergleich mit Florenz, daher Dresden auch als Elbflorenz bezeichnet wird. In einem besonderen Kapitel über die „Kunstsammlungen in Dresden“ schreibt Herder in der Adrastea: „Für Deutschland und das Kurfürstentum Sachsen war es ein Verlust, daß ein Fürst von so seltenen Vorzügen, wie Friedrich August körperlich und geistig besaß, durch die polnischen Verwirrungen und Kriege gehindert ward, für Deutschland allein zu leben... Dresden indes zierte sein prachtliebender Geist mit Gebäuden; unter ihm war es eine Schule der Artigkeit und ist es geblieben. Vor allem aber sind die Kunst- und Altertumssammlungen, die er mit ansehnlichen Kosten stiftete, Trophäen seiner Regierung. Was ein Friedrich August am Anfange des Jahrhunderts anfing, hat ein anderer Friedrich August am Ende desselben vollendet. Durch sie ist Dresden in Ansehung der Kunstschätze ein deutsches Florenz geworden... Von Dresdens Kunstsammlungen geweckt, wurde Winckelmann Lehrer der Kunst für alle Nationen.

Blühe, deutsches Florenz, mit deinen Schätzen der Kunstwelt!

Stille gesichert sei Dresden-Olympia uns.“

Abb. 45. Ansicht von Dresden mit der Alten Brücke.
Gemälde von Bernardo Bellotto, genannt Canaletto. (Zu [Seite 44].)

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